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Der Vorteil des Südens

Ich bin fremdgegangen. Zumindest ferientechnisch. Treulos über die Gemmi habe ich mich Richtung Leukerbad verdrückt. Dort sass ich dann also mit schlechtem Gewissen in der örtlichen Sportarena und ass Pommes – was mich natürlich gleich wieder an Adelboden erinnerte. Nicht wegen des langsamen Service-Personals im Oberwallis. Sondern weil mich das langsame Service-Personal zwang, den Curling-Spielern unten in der Halle zuzusehen. Mit Stein und Besen sind die EngstligtalerInnen ja stark. Und als ich länger durch das Plexiglas-Fenster blickte, verschwand auch mein schlechtes Gewissen.

Dann bin ich halt fremdgegangen. Es gibt ja noch andere BernerInnen, die für den Sport das Wallis auserkoren haben. Es gibt die Adelbodner Curlerin Céline Koller, die mit dem Oberwalliser Team Stern gerade Schweizermeisterin geworden ist (siehe Bild). Zehn Siege in Serie, Gold, Weltmeisterschafts-Ticket, voilà: Dafür hat sich der südliche Ausflug doch gelohnt. Und schliesslich ist die Gemmi eine Verbindung, die während des ganzen Jahres in beide Richtungen funktioniert. Anders gesagt: Nur der kann erfolgreich heimkommen, der vorher in die Fremde gegangen ist. Da muss sich keiner rechtfertigen. Und letztlich waren die Pommes unter dem Daubenhorn ja auch ganz lecker.

Die längste Minute

55 Sekunden. So kurz dauert die Fahrt der Slalomcracks beim Weltcup am Chuenisbärgli. Mit etwa 70 Sekunden ist die Riesenslalom-Elite am kommenden Wochenende nicht viel länger unterwegs. Tja. Von solchen Geschwindigkeiten kann ich momentan nur träumen. Nach einem Unfall bin ich schon froh, wenn ich es in einer Minute bis ins Wohnzimmer schaffe.

Aber die Krücken-Phase hat auch ihr Gutes. Ich bin achtsamer denn je. Es gibt Leute, die horrende Summen in Seminare und Kurse investieren, um sich die Konzentration auf den Moment mühsam anzutrainieren. Für mich dagegen ist Achtsamkeit ein nützliches, ja unverzichtbares Instrument geworden. Ich kann gar nicht mehr anders. Denn ohne penibel auf den nächsten Schritt zu achten, fiele ich rasch auf die Schnauze.

Plötzlich entwickle ich grossen Respekt vor der Arbeit der Wegmeister und Winterdienste, die mir das Trottoir mit Salz und Kies sicherer machen. Plötzlich habe ich Musse, um den Blick an der Ecke schweifen zu lassen. Hier sitzt eine Dohle. Da verläuft eine Fuchsspur. Dort scheint die Sonne in 15 Minuten hin. Dafür lohnt es sich, zu warten. Nein, das wird definitiv nicht mein sportlichster Winter. Aber so viele grosse Momente habe ich auf so kleinem Raum selten erlebt. Den Tempo-Titel können sich am Chuenisbärgli derweil andere holen – in einer der vielen Minuten des Winters.

It’s science, stupid!

Erinnern Sie sich noch an Armand Marchants Sturz am Chuenisbärgli 2017? Sah nicht schlimm aus, war es aber: Kniescheibe, Meniskus, Bänder – alles ging damals kaputt beim belgischen Riesenslalom-Ass. Es drohte das Ende seiner sportlichen Karriere.

Sieben Operationen und drei Jahre später will Marchant nun zurück in den Weltcup-Zirkus. Dass dieses Ziel realistisch ist, verdankt der Athlet auch dem Training mit einem sogenannten Exoskelett am Knie. Nein, das ist kein verspäteter Halloween-Gag. Dieses künstliche Skelett wird ans Bein geschnallt und reduziert die Belastung der Gelenke mit Stossdämpfern. Ich habe gehört, dass ein 80 Kilogramm schwerer Skifahrer sich so nur noch etwa 55 Kilo schwer fühlt.

Nun, ich selbst bin zum Glück noch nie so schwer gestürzt. Aber: Ich wiege etwa 80 Kilo (Tendenz steigend), würde mich gerne 55 Kilo leicht fühlen und am Hang unterstützen lassen. Das Exoskelett ist zudem auch in der Schweiz erhältlich. Erst war ich neugierig, nun bin ich aufmerksam: Das Ding kann man scheinbar unsichtbar unter der Hose tragen, und es hilft anscheinend auch beim Winterwandern. Wenn ihr mich demnächst also mit beängstigender Kraft den Hang rauf- und runtersausen seht, wisst ihr, was Sache ist: It’s science, stupid!

… und die übernächsten Schritte

Ich habe ja schon im letzten Post vom Wert guter Vorbereitung gesprochen (es ging ums Wandern). Heute bleibe ich beim Thema, spanne den Bogen aber etwas weiter. Denn selbst mit einer halben Tube Sonnencreme im Nacken, einem neuen Rucksack und dem Wanderpass (Vorverkaufsstart 7. Mai) ist die neue Saison noch nicht fertig aufgegleist.

Diese Wochen gehören natürlich den Revisionsteams, welche die Bergbahnen auf Herz und Nieren prüfen. Diese Wochen gehören auch den Sennen, welche die kommende Alpzeit planen (die Bärgrächnig findet am 1. Juni) statt. Das ist alles recht weitsichtig und lobenswert. Richtig raffiniert wirds aber erst, wenn die letzten Zeichen des letzten Winters genutzt werden, um bereits den nächsten vorzubereiten.

Zu den Weitsichten gehört Dario Cologna, der diese Woche auf der Engstligenalp Langlauf trainiert. Dazu gehört Reto Däpps Team, das auf der Tschentenalp 24’000 Kubikmeter Schnee für herbstliche Pisten eingelagert hat. Diese Beispiele von Frühlings-Langlauf und Snowfarming zeigen, dass es Zukunft haben kann, etwas zu bewahren. Es zeigt, dass der Winter den Sommer überdauern kann, gespeichert in Muskeln, zugedeckt unter Matten. Das wird übrigens ja auch jeder einsehen, der in der Hitze an einem kühlen Glacé schleckt.

Anzeichen für den Saisonstart

Woran erkennt man, dass in Adelboden die Saison wieder gestartet hat? Nun es gibt verschiedene Anzeichen dafür.

Schnee liegt.

Soziale Medien werden überhäuft mit Skibildern.

Die Gondeln bewegen sich.

Skiständer vor den Bars und Geschäften.

Skis und Snowboards sind an die Skiständer vor den Bars und Geschäften angelehnt (je nach Tageszeit).

Mehr Leute unterwegs zu Tag- und Nachtzeiten.

Volle Parkplätze.

Stau! Von Frutigen bis Reichenbach ein Auto nach dem andern. Von der Gegenfahrbahn her gesehen ein prächtiges Lichterspektakel.

In diesem Sinne wünsche ich allen Tagesbesuchern für die Saison: Viel Geduld und natürlich eine tolle Saison auf den Brettern!