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Etappen für Könige

Die Via Alpina ist momentan ja in aller Munde. TV-Moderator Nick Hartmann hat sie in unserer Destination gerade mit Filmteam absolviert, und auch Schweiz-Tourismus-Marketingleiter André Hefti rühmt die 390 Kilometer und 20 Etappen umfassende Wanderung. Am Schweizer Ferientag in Luzern stellte er die Via Alpina als eine der drei neuen Themenrouten vor. Lauterbrunnen–Griesalp, Griesalp–Kandersteg, Kandersteg–Adelboden, Adelboden–Lenk: Natürlich sind diese Stationen auf der Tour Nr. 1 attraktive Streckenabschnitte. Ich denke an den Steinbock, der mir unter dem Hohtürli beim Aufstieg zusah, an die unwirkliche Landschaft, wenn man nach der Sefinenfurgge ins hinterste Kiental absteigt, ich denke an die Augenöffner beim Bunderspitz und beim Hahnenmoospass. Aber warum solche Wanderungen aneinander hängen? Warum gleich so weit gehen?

Die Bündner Touristikerin Jolanda Rechsteiner vermutet, dass bei einigen Gästen eine gewisse «Entscheidungsmüdigkeit» herrsche. Weil der müde Wanderer also nicht jeden Morgen neue Routen planen will, bevorzugt er mehrtägige Erlebnisse. «Zudem erlebt er Kultur und Landschaft unverfälscht aus nächster Nähe und wird selbst zum Kenner mit Erfahrung», sagt Rechsteiner im Blog von «GRHeute». Ins selbe Horn bläst die Via Alpina selbst. Die Organisation verweist auf einen Artikel des Wanders Matthieu Chambaud. Dieser nennt als weitere Gründe fürs Weitwandern, dass man sich dabei endlich einmal auf eine einzige Sache aufs Mal konzentrieren könne. Der Gast bleibe beim Gehen eben ganz in der Gegenwart, an einem neutralen Ort, der viel Raum fürs Nachdenken lasse. Schliesslich hebt Chambaud noch hervor, dass man in den Alpen keine Masken tragen muss und endlich einmal sich selbst sein kann: «On n’est personne pour les glaciers, les forêts ou les animaux.»

Doch was ist mit der Anstrengung, dem Kampf gegen die Höhenmeter, dem Wadenkrampf? Spricht das nicht gegen mehrtägige, endlose Touren? Hier zitiere ich gerne Katy Harrington, die ihre Ankunft auf der Griesalp nach einer neunstündigen Etappe folgendermassen beschreibt: «Tired and shaky I started to cry but I picked myself up, got back on track and carried on. A few hours later when I saw the tops of wooden houses in a not-too-distant valley I cried a bit more, overjoyed that my final destination was in sight.» Nach der Königsetappe der Via Alpina ist ihr die Erleichterung und der Stolz anzuhören. Wer will da noch sagen, sie sei zu weit gegangen?

Die nächsten Schritte sind geplant

Kein Wunder, fand die 81. Generalversammlung der Berner Wanderwege im Spiezer Ausbildungszentrum der Schweizer Fleischwirtschaft statt: Wer will schon ohne Cervelat im Rucksack wandern? Das zu erfahren, machte mich erstens hungrig und zweitens kribbelig auf die sommerliche Wandersaison. Für die 193,63 Wanderkilometer in Adelboden habe ich mir prompt das Planungstool wanderplaner.ch zugelegt – testweise. Dass man zur Registrierung seinen Geburtstag und seine Wohnadresse angeben muss, habe ich in Kauf genommen. Vielleicht will im August ja jemand zu mir nach Hause wandern und mir gratulieren …

Item, der Wanderplaner selbst ist dann überaus nützlich. 51 Vorschläge hat er mir für Adelboden gemacht, von Cholerenschlucht bis Lohner-Westflankensteig und inklusive ausführlichem Tourenbeschrieb oder Details wie Schwierigkeit, Kondition und Verpflegungsmöglichkeiten. Es gefällt mir auch die interaktive Karte, bei der sich die Suche verfeinern lässt, etwa nach Dauer, Schwierigkeit oder Höhenmeter. Beim Tourenplaner lassen sich zudem beliebige Punkte auf der Karte manuell markieren. Eine passende Route auf Wanderwegen wird danach automatisch vom System generiert.

Gut ist, dass nach der Registrierung nicht nur die App weiss, wo ich wohne, sondern ich weiss auch, wo die App zu Hause ist. Ich habe mir sogar schon überlegt, zur Berner Moserstrasse zu wandern, um dort dem Verein Berner Wanderwege zur Lancierung des nützlichen Tools zu gratulieren. (Achtung Adelbodner: Für die 73 Kilometer bis zur Hauptstadt bräuchtet Ihr gemäss Wanderplaner.ch knapp 17 Stunden.)

“Bergführer aus Leidenschaft” – dr Vogellisichopf vam ugstä

Im Dezember Skilehrer, Reiseführer in Patagonien im Januar. Februar und März auf Skitouren. Im Mai Bergführer in den umliegenden Alpen. Anfangs Juni Ausbildner und den Rest des Sommers Wander-, Kletter- und Bergführer. Oktober und November Leiter von Expeditionen nach Nepal oder Kapverden. Dazwischen rekognoszieren und organisieren bevorstehender Reisen. So ungefähr sieht ein Jahresverlauf von Peter Schmid aus – Bergführer als „Fulltime-Job“.

Der gelernte Elektriker widmet sich seit 1977 vollumfänglich dem Beruf als selbstständiger Bergführer, wobei dies für Peter Schmid ein weiter Begriff ist. Wandern, Klettern, Bergsteigen, Skitouren, Skibegleitungen, Skiunterricht, Trekkings, Expeditionen oder Reisen in ferne Länder –  sein Angebot ist gross. Zusammen mit seiner Frau Elisabeth führt er das Unternehmen „International Mountaineering“.

Es ist seine Leidenschaft – sein Traumberuf. Eine Möglichkeit die gesamte Welt sehen zu können. Peter Schmid strotzt nur so von Abenteuerlust und ist noch lange nicht müde. Er erzählt von seiner ersten Erklimmung des Mt. McKinley als Bergführer oder seiner „schwierigsten“ Besteigung – dem Alpamayo in Peru. Nicht fehlen darf der Shishapangma mit einer Höhe von 8046 M.ü.M im Himalaya. Nicht minder leidenschaftlich berichtet er von seinen Expeditionen in Island, Kenia oder den Nordlichtern in Norwegen. Auf allen 4000-er der Alpen war er und bis auf Ozeanien, mehrmals auf jedem Kontinent.

Alpamayo, Peru

Alpamayo, Peru

Und doch, seine Heimat ist Adelboden. Unzählige Male war er auf dem Wildstrubel, jeden Winter verbringt er als Skilehrer auf den Pisten der Skiregion. Adelboden – sein Rückzugsort.

„Muesch chönä verzichtä u wes passt – muesch zueschlaa“ (Man muss verzichten können und wenn`s passt – muss man zuschlagen), antwortet er auf die Frage, wie er auf die Gefahren am Berg eingeht. Seine Entscheidungen kann er vertreten, die anderer Personen am Berg jedoch nicht. So ist nicht etwa die Natur die grösste Gefahr, sondern wir Menschen und unsere individuellen Entscheidungen.

 

Peter Schmid – Bergführer aus Leidenschaft, familienmensch und vielseitig.

 

Einige Fragen zum Schluss:

Kochen oder Essen?

„Essen – ich bin nicht der Kocher“

 

Strubel oder Lohner?

„Lohner – er ist technisch schwieriger, zudem ist der Strubel über die Jahre hinweg gefährlicher geworden“

 

Winter oder Sommersaison?

„Beruflich gesehen der Winter, der Sommer ist hektischer – Privat eher der Sommer“

 

Kapverden oder Kilimandscharo?

„Kilimandscharo –  in mir steckt nach wie vor Bergsteiger-Feuer“

 

 

 

 

… und alles Gute, Wanderer!

Letzte Woche habe ich den Transportunternehmen zu ihren runden Jubiläen gratuliert. Und dabei fast jene vergessen, die den Besuchern vor Ort die Richtung weisen: Den Verein Berner Wanderwege gibt es nämlich ebenfalls schon seit genau 80 Jahren. Auch dieses Fest tangiert mich persönlich. Nun ja, über 1600 Meter Höhe liegt derzeit teils noch zuviel Schnee. Aber ich bin bereit, meine Schuhe wieder zu schnüren.

Es ist schon interessant: Früher gingen nur die Armen zu Fuss. Heute fahren wir weite Strecken, um dann zu laufen. 4622 Kilometer signalisierten Wanderweg gibt es im Berner Oberland, alleine in Adelboden unterhalten die lokalen Wegmeister mehr als 200 Kilometer davon. Hunderttausende Franken investieren die Gastgeber jährlich in sichere Pfade, und tatsächlich ist das Risiko unterwegs äusserst kalkulierbar geworden.

Früher legten einem fehlerhafte Karten, ungenaue Wetterprognosen und ungesicherte Passagen Steine in den Weg. Heute müssen sich Wanderer noch mit Grundeigentümern, Bikern, Mutterkühen und Herdenschutzhunden arrangieren. Themen, die bei der Bewegung in der Natur noch ein gewisses Konfliktpotenzial haben, stammen also meist – aus der Kultur. Das ist gut. Denn ausserhalb der Zivilisation sollte es still bleiben.

Sohle vs. Pneu

Während die Sommersaison langsam in den Endspurt geht, läuft die Debatte zwischen Wanderern und Velofahrern gerade buchstäblich auf Hochtouren. Im Oberland werden momentan nämlich touristische Bikerouten geplant, und Bergschuhe und Zweiräder können in den Alpen halt nicht immer getrennte Wege gehen bzw. fahren. Der eine verlangt hier nach Entflechtung, der andere nach friedlichem Nebeneinander. Der eine mahnt zur Akzeptanz, der andere sucht die Auseinandersetzung. Wo der eine über gegenseitigen Respekt und Koexistenz doziert, wittert der andere Laisser-faire-Politik.

Für den Wanderer stellt sich unter anderem die Frage, wie viel Störung seine Erholung verträgt, und ob die Mehrfachbenützung von Wegen für ihn zur Gefahr wird. Für den Biker andererseits stehen seine Bewegungsfreiheit und allgemein die Attraktivität des Berggebiets auf dem Spiel. Mein Tipp: Gegen Ängste und verhärtete Fronten helfen Begegnungen und reger Austausch.

Gerade finden in der Region zum Beispiel diverse Informationsanlässe zu diesem Thema statt. In der Wander- und Fahrpraxis draussen am Berg trifft man sich zudem ohnehin ganz ungezwungen. Und wer genau wissen will, wo was geht oder auf was gerade jemand abfährt, fragt drittens am besten die lokalen Experten. Im Notfall weiss die Alpinschule Adelboden, wo es noch einsame, wunderschöne Gipfel ohne Biker gibt. Das geht gut. Und die Bikeschule von Büschlen Bikesport & More Bikeschule zeigt umgekehrt, dass in der Destination immer auch Platz für ungebremsten Fahrspass zur Verfügung steht. Darüber lässt sich reden. Und fahren.