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Der slowenische Geheim-Mentor

In den späten 90er-Jahren hatte ich am Lehrerseminar einen hervorragenden Englischlehrer. Er liess in den Pausen jeweils eine uralte Musikkassette der Slokar Trombones laufen – instrumentale Posaunenstücke mit einem schwer fassbaren Charme. Das ist jetzt 20 Jahre her, und doch weiss ich noch genau, wie der Bläsersatz damals im Klassenzimmer erklang, unaufdringlich, weich und doch einprägsam.

Nach einer langen, langen Zäsur findet diese Geschichte nun eine überraschende Fortsetzung: Im aktuellen Programm des Swiss Chamber Music Festivals stosse ich doch tatsächlich auf das Slokar Posaunenquartett. Es ist der Slowene und Wahlschweizer Branimir Slokar mit seinen Mannen, der am am 1. Oktober das Schlusskonzert in der reformierten Kirche bestreitet. Kann das Zufall sein? Nein: Etwas Recherche zeigt, dass ich mich wohl unbewusst immer im Sog des Altmeisters befunden haben musste.

Als Mitt-Zwanziger erhielt Branimir Slokar einen Lehrauftrag für Musik. Auch ich habe in diesem Alter zunächst meine pädagogische Ausbildung abgeschlossen. Der Slowene hat danach unzählige Lehrbücher verfasst. Auch ich habe mich anschliessend aufs Schreiben verlegt. Der Solist spielte früher in der Chicago Orchestra Hall. In diese Stadt hat es mich Jahre später ebenfalls verschlagen, nicht zuletzt der Musik wegen. Slokar zog mit seiner Familie schliesslich ins Berner Oberland. Wo nun auch ich arbeite.

Bei soviel Vorbildcharakter dürfte das Schlusskonzert in Adelboden für mich wohl kaum den Schlusspunkt bilden. Doch macht die Geschichte danach erneut eine lange Pause? Mal sehen, was das Jahr 2037 bringt.

Klassische Kontraste

Schwarz-Weiss-Denken ist ja verpönt. Schwarz-Weiss-Sehen gilt als veraltet. Schwarz-Weiss-Hören dagegen ist weder sonderlich bekannt noch deplatziert. Und genau das werde ich am 29. September denn auch tun: Am Swiss Chamber Music Festival in Adelboden das Konzert des Schwarz-Weiss-Duos mit Cellistin Ilona-Aleksandra Basiak und Pianist Mischa Kozłowskides besuchen.

Warum die zwei Polen genau diesen Namen für ihr Ensemble gewählt haben, kann nur erahnen. War es die Liederwahl? Immerhin interpretieren die beiden ebenso Kompositionen von Beethoven wie zeitgenössische Werke etwa des Berners Thomas Demenga. Oder bezieht sich der Name auf den Kontrast zwischen dem recht populären Pianisten und der weitgehend unbekannten Cellistin? Oder haben sich die beiden einfach vom gemeinsamen Schwarz-Weiss-Foto inspirieren lassen? Machen Kleider Namen? Oder die Geschlechter? Eine mögliche Erklärung sähe ich auch bei instrumentalen Differenzen: Der warme Holzklang des Streichinstruments versus die helleren, härteren Piano-Töne. Sind es am Ende gar die grossen Unterschiede zwischen dem Warschauer Musik-Studium und der Schweizer Alpenwelt, die das Duo geprägt haben? Oder sind die Unterschiede am Ende doch nicht so gross?

Ich weiss es nicht. Ich war auch noch nie in Warschau. Aber das Konzert in der Dorfkirche höre ich mir gerne an in der Hoffnung, dass sich der Schleier leicht lüftet. Und dass das Schwarz-Weiss-Hören das Schwarz-Weiss-Denken weiter reduziert. Ich bin da ganz Ohr.