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Das epische Luftduell

Während ich diese Zeilen schreibe, nähert sich Chrigel Maurer gerade dem siebten Wendepunkt bei den x-Alps. Dass der Gleitschirmprofi und fünffache Titelgewinner wieder einmal vorne liegt beim legendären Hike&Fly-Rennen, überrascht nicht. Erneut ist der Pilot so zügig unterwegs Richtung Mittelmeer, dass ihm seine Supporter teils kaum folgen können. «Chrigel ist superschnell», meldet das Team. Und keiner widerspricht.

Erstaunlicher ist aber, wie stark die Franzosen dieses Jahr fliegen. Alle vier x-Alps-Teilnehmer aus dem Nachbarland sind heute Mittwoch in den Top Ten, und der Franzose Maxime Pinot klebt Chrigel Maurer seit geraumer Zeit als Zweiter im Nacken. Entsprechen schreiben die Organisatoren in ihren Newsbeiträgen: «France vs. Switzerland? Es kann nur einen Sieger geben» oder «Das epische Duell geht weiter».

Gerade hat Maurer einen Vorteil, da er derzeit über der Schweiz fliegt, wo er sich auskennt. Die letzten Etappen des Rennens verlaufen aber in Frankreich – und dort ist Maxime Pinot im Vorteil. Ein Fan hat dem Franzosen gestern sogar geschrieben: «Du bist der Adler des Tages.» Adler? Ich dachte, dieser Übername sei bereits vergeben. Aber vielleicht kann es diesmal ja mehr als einen geben …

In eigener Sache

Eine Tradition weiterzuführen, ist schön. So verstehe ich jeden Beitrag in diesem Blog auch als Fortsetzung der Vogellisi-Saga –  ich blogge hier schliesslich bereits seit (da staune ich selbst!) 2014. Und ich bin ja nicht der einzige, der das Erbe der Kräuterfrau seit Längerem pflegt. Anfang Juli singen ihr zu Ehren wieder zahlreiche Künstler am 11. Vogellisi-Festival, und Ende Juli findet der Vogellisi-Berglauf bereits zum 16. Mal statt. So weit, so etabliert.

Stellt sich nur die Frage, ob zu viele Köche nicht den Brei verderben. Denn die Reihen der Vogellisi-Sympathisanten werden immer breiter. Die Bergbahnen Adelboden AG etwa hat gerade die neue Marke Vogellisi-Berg lanciert und darunter alle Sommerangebote zusammengefasst (Motto: «Komm hoch und träume»). Daneben tickt der Countdown zur Eröffnung des Vogellisi-Erlebniswegs am 13. Juli – notabene organisiert von «Vogellisis 50 besten Freunden». So weit, so überbordend?

Dann aber besinne ich mich, wie ich vor 6 Jahren den Vogellisi-Blog mit folgenden Worten vorgestellt habe: «Die Legende ist in jedem Mund, weil jeder Mund die Geschichte anders erzählt. Diese Plattform soll ebenso vielfältig und vieldeutig sein wie das Lisi selbst.» Das gilt nach wie vor und auch über den Blog hinaus. In diesem Sinne beleben mehr Akteure die Saga – weil ihr jeder eine neue Deutung hinzufügt. Es lässt sich halt einfach nicht in eine Schublade stecken, das Lisi. So weit, so rätselhaft.

Wohlfahrt im Wald

Schön, haben sich Adelboden, Frutigen, Kandergrund, Kandersteg und Reichenbach in Sachen Schutzwälder gerade zusammengeschlossen. Denn der Forst schützt und nützt nicht nur, er hat gemäss den Gemeinden auch eine Wohlfahrtsfunktion. Wohlfahrtsfunktion des Waldes – schade, dass ich mir darunter recht wenig vorstellen kann. Dass es mir wohl ist, wenn ich durch den Forst fahre, dürfte den Kern Sache eher verfehlen. Oder verteilt da jemand Sozialhilfe unter den Tannen? Wohlfahrtsfunktion – im Waldgesetz steht dazu auch nicht viel mehr. Dort redet der Bund lieber von der «Wiederbestockung von Blössen» (Art. 23), was für mich ehrlich gesagt etwas obszön klingt.

Besser erklärt es die Bundesverfassung von 1999: Dort steht, die Wohlfahrtsfunktion des Waldes meine seine Bedeutung als Erholungsraum für die Menschen. Aha. Das stimmt natürlich. Die Waldluft tut unseren Lungen gut, das Klima ist kühl und feucht, die Atmosphäre wind-, lärm- und sonnengeschützt. Ausserdem hat man hier jede Menge Platz, um sich zu bewegen und zu entspannen.

Im Schweizerischen Zivilgesetzbuch schliesslich finde ich schliesslich noch einen Absatz, der meine Wohlfahrt im Wald noch viel besser funktionieren lässt: Das freie Betreten des Waldes und das Sammeln von Beeren seien jedem gestattet, heisst es dort. Beereni à la carte? Klingt ganz nach einem Motto für die Sommersaison. Denn Wohlgeschmack gehört sicher auch zur Wohlfahrt.

Etappen für Könige

Die Via Alpina ist momentan ja in aller Munde. TV-Moderator Nick Hartmann hat sie in unserer Destination gerade mit Filmteam absolviert, und auch Schweiz-Tourismus-Marketingleiter André Hefti rühmt die 390 Kilometer und 20 Etappen umfassende Wanderung. Am Schweizer Ferientag in Luzern stellte er die Via Alpina als eine der drei neuen Themenrouten vor. Lauterbrunnen–Griesalp, Griesalp–Kandersteg, Kandersteg–Adelboden, Adelboden–Lenk: Natürlich sind diese Stationen auf der Tour Nr. 1 attraktive Streckenabschnitte. Ich denke an den Steinbock, der mir unter dem Hohtürli beim Aufstieg zusah, an die unwirkliche Landschaft, wenn man nach der Sefinenfurgge ins hinterste Kiental absteigt, ich denke an die Augenöffner beim Bunderspitz und beim Hahnenmoospass. Aber warum solche Wanderungen aneinander hängen? Warum gleich so weit gehen?

Die Bündner Touristikerin Jolanda Rechsteiner vermutet, dass bei einigen Gästen eine gewisse «Entscheidungsmüdigkeit» herrsche. Weil der müde Wanderer also nicht jeden Morgen neue Routen planen will, bevorzugt er mehrtägige Erlebnisse. «Zudem erlebt er Kultur und Landschaft unverfälscht aus nächster Nähe und wird selbst zum Kenner mit Erfahrung», sagt Rechsteiner im Blog von «GRHeute». Ins selbe Horn bläst die Via Alpina selbst. Die Organisation verweist auf einen Artikel des Wanders Matthieu Chambaud. Dieser nennt als weitere Gründe fürs Weitwandern, dass man sich dabei endlich einmal auf eine einzige Sache aufs Mal konzentrieren könne. Der Gast bleibe beim Gehen eben ganz in der Gegenwart, an einem neutralen Ort, der viel Raum fürs Nachdenken lasse. Schliesslich hebt Chambaud noch hervor, dass man in den Alpen keine Masken tragen muss und endlich einmal sich selbst sein kann: «On n’est personne pour les glaciers, les forêts ou les animaux.»

Doch was ist mit der Anstrengung, dem Kampf gegen die Höhenmeter, dem Wadenkrampf? Spricht das nicht gegen mehrtägige, endlose Touren? Hier zitiere ich gerne Katy Harrington, die ihre Ankunft auf der Griesalp nach einer neunstündigen Etappe folgendermassen beschreibt: «Tired and shaky I started to cry but I picked myself up, got back on track and carried on. A few hours later when I saw the tops of wooden houses in a not-too-distant valley I cried a bit more, overjoyed that my final destination was in sight.» Nach der Königsetappe der Via Alpina ist ihr die Erleichterung und der Stolz anzuhören. Wer will da noch sagen, sie sei zu weit gegangen?

… und die übernächsten Schritte

Ich habe ja schon im letzten Post vom Wert guter Vorbereitung gesprochen (es ging ums Wandern). Heute bleibe ich beim Thema, spanne den Bogen aber etwas weiter. Denn selbst mit einer halben Tube Sonnencreme im Nacken, einem neuen Rucksack und dem Wanderpass (Vorverkaufsstart 7. Mai) ist die neue Saison noch nicht fertig aufgegleist.

Diese Wochen gehören natürlich den Revisionsteams, welche die Bergbahnen auf Herz und Nieren prüfen. Diese Wochen gehören auch den Sennen, welche die kommende Alpzeit planen (die Bärgrächnig findet am 1. Juni) statt. Das ist alles recht weitsichtig und lobenswert. Richtig raffiniert wirds aber erst, wenn die letzten Zeichen des letzten Winters genutzt werden, um bereits den nächsten vorzubereiten.

Zu den Weitsichten gehört Dario Cologna, der diese Woche auf der Engstligenalp Langlauf trainiert. Dazu gehört Reto Däpps Team, das auf der Tschentenalp 24’000 Kubikmeter Schnee für herbstliche Pisten eingelagert hat. Diese Beispiele von Frühlings-Langlauf und Snowfarming zeigen, dass es Zukunft haben kann, etwas zu bewahren. Es zeigt, dass der Winter den Sommer überdauern kann, gespeichert in Muskeln, zugedeckt unter Matten. Das wird übrigens ja auch jeder einsehen, der in der Hitze an einem kühlen Glacé schleckt.