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Die längste Minute

55 Sekunden. So kurz dauert die Fahrt der Slalomcracks beim Weltcup am Chuenisbärgli. Mit etwa 70 Sekunden ist die Riesenslalom-Elite am kommenden Wochenende nicht viel länger unterwegs. Tja. Von solchen Geschwindigkeiten kann ich momentan nur träumen. Nach einem Unfall bin ich schon froh, wenn ich es in einer Minute bis ins Wohnzimmer schaffe.

Aber die Krücken-Phase hat auch ihr Gutes. Ich bin achtsamer denn je. Es gibt Leute, die horrende Summen in Seminare und Kurse investieren, um sich die Konzentration auf den Moment mühsam anzutrainieren. Für mich dagegen ist Achtsamkeit ein nützliches, ja unverzichtbares Instrument geworden. Ich kann gar nicht mehr anders. Denn ohne penibel auf den nächsten Schritt zu achten, fiele ich rasch auf die Schnauze.

Plötzlich entwickle ich grossen Respekt vor der Arbeit der Wegmeister und Winterdienste, die mir das Trottoir mit Salz und Kies sicherer machen. Plötzlich habe ich Musse, um den Blick an der Ecke schweifen zu lassen. Hier sitzt eine Dohle. Da verläuft eine Fuchsspur. Dort scheint die Sonne in 15 Minuten hin. Dafür lohnt es sich, zu warten. Nein, das wird definitiv nicht mein sportlichster Winter. Aber so viele grosse Momente habe ich auf so kleinem Raum selten erlebt. Den Tempo-Titel können sich am Chuenisbärgli derweil andere holen – in einer der vielen Minuten des Winters.

So himmlisch ist der Äquator nicht

Ah, der Frühlingsbeginn! Alles erscheint einem so leicht und frisch. Der Krokus spriesst, der Skifahrer kurvt, der Schmetterling im Bauch gaukelt. Bis man über die Tagundnachtgleiche stolpert. Ein interessantes Wort. Aber nicht sehr leicht und frisch. Ein anderer Begriff dafür ist Äquinoktium – aber das macht die Sache eigentlich nur noch schlimmer. Jetzt sind wir nämlich bereits dort angelangt, wo die Sonne momentan den Himmelsäquator passiert. Auf ihrer scheinbaren Bahn um die Erde, der Ekliptik.

Spätestens jetzt fühlt sich der Frühling statt leicht und frisch schwer und abgestanden an. Der Jahreszeitenwechsel lädt sich zusehends mit Theorie auf. Denn eigentlich müssten wir die Tagundnachtgleiche noch relativieren. Da wir uns seitlich auf der Erdumlaufbahn bewegen, verändert sich wegen der endlichen Lichtgeschwindigkeit auch die scheinbare Position der Sonne. Ausserdem verändern die Gezeitenkräfte des Monds die Lage der Erdachse. Und überhaupt ist die Tagundnachtgleiche geozentrisch, also vom Erdmittelpunkt aus konstruiert. Dort war ich leider noch nie. Da bleibe ich doch lieber egozentrisch.

Ah, der Frühlingsbeginn! Alles spricht dafür, eine astronomische Auszeit zu nehmen und die Tagundnachtgleiche draussen zu geniessen.

Anzeichen für den Saisonstart

Woran erkennt man, dass in Adelboden die Saison wieder gestartet hat? Nun es gibt verschiedene Anzeichen dafür.

Schnee liegt.

Soziale Medien werden überhäuft mit Skibildern.

Die Gondeln bewegen sich.

Skiständer vor den Bars und Geschäften.

Skis und Snowboards sind an die Skiständer vor den Bars und Geschäften angelehnt (je nach Tageszeit).

Mehr Leute unterwegs zu Tag- und Nachtzeiten.

Volle Parkplätze.

Stau! Von Frutigen bis Reichenbach ein Auto nach dem andern. Von der Gegenfahrbahn her gesehen ein prächtiges Lichterspektakel.

In diesem Sinne wünsche ich allen Tagesbesuchern für die Saison: Viel Geduld und natürlich eine tolle Saison auf den Brettern!

 

 

 

 


 

 

 

Ein Brett gegen zwei

Diese Saison stand ich seit über 20 Jahren zum ersten Mal wieder auf Skiern. Eigentlich bin ich ja eingefleischter Snowboarder. Aber diverse meiner Boarder-Kollegen sind wie so viele über 30 inzwischen wieder auf zwei Latten umgeschwenkt. Da wollte ich halt auch einmal auf den Zug bzw. den Ski aufspringen. Also Schuhe, Stöcke und Bretter für einen Tag gemietet und ab auf die Piste.

Es war wie beim Velo – Skifahren verlernt man ebenfalls nie. Allerdings kam ich mir trotzdem uralt vor. Das lag einerseits am Material. Als ich damals aufgehört hatte, war Carving nämlich noch kein Thema. In den frühen 90ern gehörte das Board zudem fest zur Jugendkultur und schien den uncoolen Ski zu verdrängen. Auch wenn sich der Wind schon seit Langem wieder gedreht hat, und auch wenn breite Freeskier, lockere Skidresse und Carving-Technik die Grenzen zwischen den Disziplinen verwischt haben – ein bisschen fühlte ich mich wie ein Verräter am eigenen, überdrehten Lifestyle von damals.

Item. Ich überstand den Probetag unfallfrei, machte mit breitbeiniger Haltung und Vorlage aber sicher keine gute Figur auf der Piste. Dazu kommt, dass einige meiner Neo-Ski-Kollegen inzwischen wieder zum Board zurückgekehrt sind («weisst du, ich lasse es jetzt einfach etwas gemütlicher angehen»). Schon den nächsten Trend verschlafen? Naja, dann probiere ich doch erneut etwas aus, das ich bereits kann.

Wie viel Euphorie ist angebracht?

Silleren 100 Zentimeter Schnee. Engstligenalp 120 Zentimeter Schnee. Solche Pegel bringen die Skifahrer natürlich ins Schwärmen. «War heute ein Hammertag!» – «Perfekte Pisten.» – «Wish I was there» – «Adelboden – ein Traum in Weiss!» – «Endlich Schnee!» – «This is where I’m going.» – «Frau Holle hat gute Arbeit geleistet.» Das sind nur einige der begeisterten Kommentare, welche kürzlich in den Sozialen Medien von Adelboden-Frutigen gepostet worden sind. Also alles perfekt? Nicht ganz:

Diese überschwänglichen Feedbacks sollten einen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Wintertourismus seit Langem herbe Einbussen einstecken muss. Damit also auch künftig fleissig solche Kommentare gepostet werden, sind neue Ansätze gefragt. Welche das sein könnten, wird am 2. Februar auf dem Adelbodner Dorfplatz diskutiert – und zwar in einer Live-Sendung von Radio SRF unter dem Motto «3715 Adelboden – Schweizer Wintertourismus in Gefahr?»*.

Brisant: Ausser Touristikern wird sich in der Diskussion auch Lois Hechenblaikner zu Wort melden. Der Tiroler ist schliesslich ein vehementer Kritiker des Massentourismus. «Wir erleben ein Herdenmanagement, härter als im Sommer mit den Kühen auf der Alp», beschrieb er etwa einmal in der «Berner Zeitung» den alpinen Wintersport. Wer Hechenblaikner aber als blossen Spielverderber und Skibanausen abtut, verkennt den kritischen Fotokünstler, wie ein weiteres Zitat aus einem «Spiegel Online»-Interview zeigt: «Wenn du bei schönem Wetter oben auf einem schneebedeckten Berg stehst, dann hat das eine Kraft, der du dich nicht entziehen kannst.» Wir dürfen also gespannt sein, welches Gesicht der Tiroler in Adelboden zeigen wird.

*www.adelboden.ch/de/w/hoerpunkt