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It’s science, stupid!

Erinnern Sie sich noch an Armand Marchants Sturz am Chuenisbärgli 2017? Sah nicht schlimm aus, war es aber: Kniescheibe, Meniskus, Bänder – alles ging damals kaputt beim belgischen Riesenslalom-Ass. Es drohte das Ende seiner sportlichen Karriere.

Sieben Operationen und drei Jahre später will Marchant nun zurück in den Weltcup-Zirkus. Dass dieses Ziel realistisch ist, verdankt der Athlet auch dem Training mit einem sogenannten Exoskelett am Knie. Nein, das ist kein verspäteter Halloween-Gag. Dieses künstliche Skelett wird ans Bein geschnallt und reduziert die Belastung der Gelenke mit Stossdämpfern. Ich habe gehört, dass ein 80 Kilogramm schwerer Skifahrer sich so nur noch etwa 55 Kilo schwer fühlt.

Nun, ich selbst bin zum Glück noch nie so schwer gestürzt. Aber: Ich wiege etwa 80 Kilo (Tendenz steigend), würde mich gerne 55 Kilo leicht fühlen und am Hang unterstützen lassen. Das Exoskelett ist zudem auch in der Schweiz erhältlich. Erst war ich neugierig, nun bin ich aufmerksam: Das Ding kann man scheinbar unsichtbar unter der Hose tragen, und es hilft anscheinend auch beim Winterwandern. Wenn ihr mich demnächst also mit beängstigender Kraft den Hang rauf- und runtersausen seht, wisst ihr, was Sache ist: It’s science, stupid!

Gegen die beständige Unbeständigkeit

Am Freitag sprossen in Adelboden fleissig die Krokusse, am Sonntag lag das Dorf unter einer Schneeschicht, und heute ist wieder Grün angesagt. «Beständig unbeständig» lautete das Wetter-Motto eines abtretenden Aprils, der 2019 wirklich machte, was er wollte. Und dann macht der Mai witterungstechnisch nochmals alles neu – am Wochenende sollen wieder die Flocken fallen. Wenigstens hat die Engstligenalp da die Lifte noch in Betrieb.

In diesem Wechselbad der Frühlingsgefühle bin ich manchmal froh, gibt es noch unerschütterliche Fixpunkte in der Engstligtaler Landschaft. Und ich rede jetzt nicht vom Tschingellochtighorn oder vom Busfahrplan. Nein, es sind die kleinen Veranstaltungen, die einem in der Adelbodner Agenda mit schöner Regelmässigkeit immer wieder über den Weg laufen und die für Konstanz sorgen. Da ist die Yogastunde, dort das Schwimmen für Frühaufsteher. Da ist das Kinderballett, dort ist das Zmorge in der Bäckerei. Kritische Geister mögen nun monieren, dass solche Angebote gar nicht in einen Eventkalender gehören. Das seien ja keine richtigen Veranstaltungen, sondern nur schnöde Aktivitäten.

Ich aber entgegne: Wenn ein Event darin besteht, zusammen Freude zu erleben, wenn es dabei darum geht, in der Gruppe der Unbeständigkeit der Welt zu trotzen, dann ist das gemeinsame Zmorge allemal ein Event. Dann ist es egal, was April und Mai gerade machen. Dann hat das Leben für kurze Zeit einfach Bestand. En Guete.

Kein Schlaf in Frutigen

Da war man nur einen kurzen Moment vom Blog-Geschäft abgelenkt (es ging um Murmeltiere, fragen Sie nicht nach Details), und schon hat sich die Schneegrenze also zu meinem Büro hinunter bequemt. Woraus erstens folgt, die Heizung aufzudrehen, und zweitens, wegen der Hitze ganz schläfrig zu werden. Ach ja, die Murmeltiere und ihr Winterschlaf, sie bleiben mir weiterhin treu.

Blicke ich zu den Pisten hinauf, kann ich die bis 70 Meter langen Bauten der knuffigen Nager unter der weissen Decke erahnen. Friedlich stelle ich mir es vor, das sechs Monate lange Nickerchen, während das angefressene Körperfett langsam vor sich hinschmilzt. Wobei mir nicht ganz einleuchtet, wie sich die Tiere den prallen Winterbauch einzig mit einer Diät aus Gräsern und Kräuter, Samen und Insekten anfressen konnten. Je nun.

Senke ich den Blick von den Pisten nach Frutigen hinunter, bleiben die Murmeltiere trotzdem im Fokus. Da hat das Frutigresort nämlich gerade die Eröffnung des Restaurants Bemato verkündet, und was steht im Kleingedruckten am Schluss? Dass die zweite Bauetappe nun der Fertigstellung des Murmeli-Erlebnisspielplatzes gewidmet ist. 60 Meter Tunnelsystem wurden schon erstellt – das klingt doch wie bei den alpinen Vorbildern.

Ganze Schiffscontainer hat man zudem beim Frutigresort für unterirdische Spielräume vergraben. Bei diesen Dimensionen können die Tunnelbewohner punkto Winterfett noch einiges zulegen. Und dafür braucht es keine kargen Gräser und Samen von der Weide: Das «Bemato» bietet schliesslich Mittagsmenus unter dem Motto «all you can eat and drink» an. Da müssen die modernen Murmeltiere ihre Nachtruhe wohl noch etwas aufschieben …

Ein grosses Revier

Irgendwie hat sie es eilig, die Revier-Hotelgruppe. Nachdem das Unternehmen Ende 2017 die Revier Mountain Lodge in der Lenzerheide eröffnet hatte, wurde auch in Adelboden ein entsprechendes Projekt vorangetrieben: An der Dorfstrasse soll auf der «Alpenrose»-Liegenschaft bekanntlich das zweite Schweizer Revier-Hotel entstehen. Und nun lese ich gerade, dass im arabischen Emirat Dubai der Bau des «Revier Dubai Business Bay» voranschreitet. Noch ein Hotel also.

Adelboden und Dubai – dass die junge Hotel-Kette gerade auf diese beiden scheinbar so unterschiedlichen Orte setzt, hat sicher seine Logik. Tatsächlich weisen das Engstligtaler Chaletdorf und die arabische Millionenstadt viele Gemeinsamkeiten auf:

  • beide beweisen einen Hang zur Höhe: Dubai hat mit dem Burj Khalifa einen Wolkenkratzer der Superlative. Mit seinen gut 800 Metern sieht dieser neben dem Lohner (3049 m ü. M.) allerdings eher zierlich aus.
  • beide ziehen massenhaft Gäste an: Das gilt in Adelboden für den rekordverdächtigen Sommerbetrieb 2018 wie für den Januar, wo jeweils Zehntausende zum Weltcup pilgern. Dubai wiederum hat jährlich um die 15 Millionen Besucher …
  • beide lieben den Schneesport: Dubai verfügt über eine Skihalle mit fünf Abfahrten, die grösste davon ist 400 Meter lang. Gegen die 210 Pistenkilometer von Adelboden-Lenk sieht der grösste Indoor-Snowpark der Welt jedoch immer noch klein aus.
  • Muss ich noch erwähnen, dass beide Orte einen Greifvogel im Wappen haben, und dass die Reviergruppe in Dubai moderne Working Spaces plant, ähnlich dem Mountain Hub Adelbodens?

Die Liste der Gemeinsamkeiten liesse sich wohl endlos weiterführen. Vielleicht eines noch: beide Orte ziehen sich gegenseitig touristisch an. So kommen jährlich mehr arabische Reisende ins Oberland. Umgekehrt besuchen vor allem Schweizer Politiker die arabische Halbinsel. Bei Letzteren darf man sich zwar getrost fragen, ob das wirklich noch ihr Revier sein sollte. Aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr …

Neue Debatte um alten Schnee

«Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert», stand auf der Webseite von «20 Minuten». Grund: Die Eröffnung der Snowfarming-Piste auf der Tschentenalp hatte in kürzester Zeit über 400 Kommentare generiert, sodass das Newsportal die Notbremse ziehen musste. Online hatte dort tatsächlich ein hitziger Schlagabtausch von Kritikern und Befürwortern des Adelbodner Pilotprojekts mit Altschnee der letzten Saison stattgefunden. Wer sich in die Debatte einklinkte, merkte jedoch bald, dass die Äusserungen auf der Plattform meilenweit von einer vernünftigen Diskussion entfernt waren. Viele der Kommentatoren haben die zugehörigen Artikel in den Medien offenbar gar nicht gelesen. Da wurde der übersömmerte und mittlerweile zu einer Piste verteilte Naturschnee kurzerhand eingeflogen, mit Schneekanonen produziert oder mit elektrischen Hilfsmitteln gekühlt – was alles frei erfunden ist.

Nun kann man sich tatsächlich fragen, ob die Viertelmillion Franken nicht hätte sinnvoller angelegt werden können, und ob ein weisser Streifen im Grün die richtigen Signale Richtung Flachland sendet. Umgekehrt frage ich mich aber auch, ob die «20 Minuten»-Seite bei einem Bericht über einen abgedeckten Gletscher ebenfalls kollabiert wäre – was unter dem Strich dieselbe Prozedur ist. Am wichtigsten scheint mir aber, dass neben dem «Snowfarming» auch das «Information-Farming» mehr thematisiert werden müsste. Gemäss dem Jahrbuch «Qualität der Medien» 2018 sind immer mehr Menschen News-unterversorgt bzw. wenden sich vom Qualitätsjournalismus ab. Die Tschenten-Debatte zeigt es dabei mehr als deutlich: Es braucht eine solide Basis – für Pisten wie für Diskussionen.