Beiträge

Eindringling hereinspaziert

Heute wage ich mich auf ein kontroverses Terrain. Ich breche nämlich eine Lanze für Neophyten – also für Pflanzen, die bei uns eigentlich nicht heimisch sind. Diese Tage blüht zum Beispiel die Goldrute (Solidago) auf Wiesen und entlang von Strassen und Bächen. Das Gewächs stammt zwar ursprünglich aus Nordamerika, hält sich aber hartnäckig in der lokalen Flora.

Die meisten befürchten nun, Neophyten hätten einen negativen Einfluss auf die Biodiversität ihres neuen Lebensraumes. Es heisst, das Ökosystem verändere sich. Es entstünden wirtschaftliche Schäden. Es kämen Pflanzen, die Allergien auslösen. Das mag alles sein. Ich sehe das trotzdem differenzierter. Der heimische Ampfer (Placke) stört auf Oberländer Feldern auch. Der lokale Fliegenpilz ist ebenfalls giftig. Unser Efeu verdrängt andere Pflanzen im Wald genauso wie invasive Pflanzen. Fazit: Veränderung ist eine Bedingung vieler Ökosysteme.

Wer einen Blick in den eigenen Garten wirft, dürfte dort sowieso alles andere als nur urschweizerische Gewächse finden. Und wer einen Blick über den Gartenzaun wirft, erkennt: Selbst wir selbst waren und sind stets invasiv. In unseren Genen zeigt sich die Abstammung etwa von Burgundern und Alamannen, welche die Schweiz von Norden her besiedelten. Und hätten wir nicht wie alle Neophyten eine grosse Anpassungs- und Fortpflanzungsfähigkeit bewiesen, wären wir heute nicht mehr hier. Nicht zuletzt verändern auch Touristen das einstmals geschlossene «Ökosystem» der Alpentäler. Und wenn sie lange bleiben und immer wiederkommen, nennt man sie Stammgäste. Und nicht Invasoren.

Strohmann bin ich gerne

Vor zwei Monaten habe ich ein Hohelied auf das Heu gesungen. Jetzt ist das Stroh dran. Gut, die Idee klingt jetzt buchstäblich etwas abgedroschen, aber hey – dafür sind der kommende Herbst und die Erntezeit ja da. Stroh – das ist für mich eben mehr als der geflochtene Hut, der mir die letzten Wochen Schatten spendete, mehr als die Zielscheibe, auf die ich einst mit Pfeil und Bogen zielte. Stroh schliesst den Kreislauf, und damit meine ich nicht nur als Einstreu für Kühe. Zu Ballen gepresst, hat das Material schliesslich schon manchem Chilbi-Besucher als Sitzunterlage gedient, und vielleicht wurde darauf auch der eine oder andere Korn getrunken. Eben, der Kreis schliesst sich. Ein anderes Beispiel: Ich war solange allergisch auf Stroh, bis ich einige Jahre neben einem Bauernhof gewohnt habe. Ich verbrachte viel Zeit im Stall, und so wurde aus der Strohallergie ein Strohfeuer – schnell verklang das Leiden.
Und wenn dann der letzte Korn getrunken, der Hut abgezogen und das Feuer erloschen sind, wäre es doch strohdumm, die Nacht nicht gleich auf den wärmenden Halmen zu verbringen. Auf der Alp «Laueli» oder in Bonderlen gibt es dafür auch im Herbst noch Gelegenheit.

Kräutersammeln für Dummies

Was das alte Vogellisi kann, kann ich schon lange. Gut, ich verfüge über kein mentales Lexikon für Heilpflanzen. Ich habe keine Ahnung, wie Johanneskraut, Beifuss oder Giersch eigentlich aussehen. Ich würde Echtes Labkraut nicht einmal erkennen, wenn es bis zu meiner Wohnung im zweiten Stock hinauf wuchern würde. Aber das muss ich auch gar nicht. Manchmal sind es banale Unkräuter, die einem weiterhelfen.

So fehlt mir auf Vogellisis Spuren zum Beispiel die Kondition der rüstigen Dame – zack, schon zwickt’s im Bein. Da hilft das krampfstillende Gänseblümchen am Wegesrand. Kurze Zeit später stösst mir das Frühstück sauer auf – der Frischkäse war doch nicht mehr so frisch. Gut, wirkt die Brennnessel an der Böschung auch bei Magen- und Darmproblemen. So, jetzt wird die Kräuterexpedition aber richtig anstrengend. Der Atem rasselt, die Kehle brennt. Immerhin windet sich dort Efeu die Tanne hinauf: Nützlich bei Katarrhe der Luftwege und entzündlichen Bronchialerkrankungen. Es wird Abend, und am Waldrand stürzen sich die Mücken auf mich. Da kommen nun zerriebene, abschwellende Blätter vom Spitzwegerich zum Einsatz.

Wieder zu Hause, scheine ich dem Vogellisi ein ganzes Stück nähergerückt. Jetzt nur noch einen Schafgarbentee gegen meine furchtbar geschwollenen Füsse. Und dann ein bisschen Radio RaBe hören.

Das blühende Leben

Eine wunderliche Welt im Wechsel ist der Sommer. Da werden in Adelboden Tunnel geputzt, Häuser renoviert oder gleich abgerissen und neue Bergbahnen gebaut. Wer die Aufbruchsstimmung etwas natürlicher mag, sollte seinen Blick aber lieber mal auf die Wiesen und Matten der Region werfen. Die Frühlingsflora wartet dort mit Gewächsen auf, deren Blütenpracht nur noch von den lieblichen Namen übertrumpft wird. So gedeihen am Wegesrand etwa das «Tausendschönchen», das «tränende Herz», der «Elfenschuh» oder das «Frühlings-Adonisröschen». So schön, so gut.

Doch die Natur kann auch ganz anders. Deutlich merkwürdiger klingen nämlich bereits Blumennamen wie die «Forellenlilie», die «Teppich-Golderdbeere» oder der «Wunderlauch». Auch der «kriechende Günsel» schafft es wohl nicht in die Top 10 der wohlklingendsten Pflanzenarten. Wenn schliesslich gar abstossende Namen wie «filzige Pestwurz», «Warzenwolfsmich» oder «Fieberklee» fallen, wünscht sich manch einer wohl den Schnee zurück, um diese widerlichen Auswüchse aus dem Blickfeld zu tilgen. Dabei sind doch eigentlich nur die Bezeichnungen widerlich, die Blumen selbst wären eine Augenweide. Die spinnen halt, die Botaniker.

Wenn man beim Joggen kurz zum Gärtner wird…

Eigentlich war ich fest überzeugt, dass ich den Hörndliweg doch nun schon lange genug und eigentlich in- und auswendig kenne, bis ich gestern Abend Folgendes entdeckte: Auf der Holzterrasse eines Stafels (kleine Berghütte) oberhalb des Dorfes stehen rote, grosse Topfpflanzen. Nichts Aussergewöhnliches, oder? Nun, das dachte ich im ersten Moment auch, bis ich zwischen den Blättern und Blüten eine kleine Giesskanne mit folgender Aufschrift entdeckte: „Bitte Blumen giessen“.

Schmunzelnd bin ich diesem Rat gefolgt, habe die Kanne am nebenstehenden Brunnen neu aufgefüllt und gut sichtbar am selben Ort für den nächsten “Gärtner” wieder platziert.

Wer auch immer auf diese erfrischende Idee gekommen ist, die Blumen werden es ihm oder ihr während den andauernden Hitzetage mit Sicherheit danken.