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Mehr Zeitreisen, bitte!

«Alls isch rationiert gsy – me het eigentlich nüt chönne choufe», erzählt Rosina Schranz mit Jahrgang 1921 von der Kriegszeit. «Im Winter isch vil meh Schnee gsy und herter als jitz. I mine erschte Schueljahr hets no niene e Pflueg gä», erinnert sich Lina Schranz mit Jahrgang 1933. Solche Adelbodner Berichte sind in zweierlei Hinsicht wertvoll:

Erstens zeigen sie, wie die ältere Generation der Engstligtaler ihre Kindheit und Jugend erlebt hat. Oft sind die weit zurückliegenden Erinnerungen ja die lebendigsten, und darum lohnt es sich, diese Geschichten auch lebendig zu halten. Nur ein Bild wie das hier von 1900 zu betrachten, scheint dagegen recht unergiebig.

Zweitens wurden die Zeitzeugen von den beiden altersgemischten Real-Klassen der Schule Adelboden befragt. Die SchülerInnen haben mit ihren Smartphones und einer App Dutzende kurze Filme mit alten Fotos arrangiert und auf der Plattform Zeitmaschine.tv aufgeladen. Das Projekt schult den Nachwuchs dabei nicht nur im Umgang mit den Medien, sondern schlägt eben auch eine Brücke zwischen den Generationen. Doc Brown und Marty McFly aus dem Kultfilm «Zurück in die Zukunft» hätten jedenfalls ihre helle Freude gehabt.

Eindringling hereinspaziert

Heute wage ich mich auf ein kontroverses Terrain. Ich breche nämlich eine Lanze für Neophyten – also für Pflanzen, die bei uns eigentlich nicht heimisch sind. Diese Tage blüht zum Beispiel die Goldrute (Solidago) auf Wiesen und entlang von Strassen und Bächen. Das Gewächs stammt zwar ursprünglich aus Nordamerika, hält sich aber hartnäckig in der lokalen Flora.

Die meisten befürchten nun, Neophyten hätten einen negativen Einfluss auf die Biodiversität ihres neuen Lebensraumes. Es heisst, das Ökosystem verändere sich. Es entstünden wirtschaftliche Schäden. Es kämen Pflanzen, die Allergien auslösen. Das mag alles sein. Ich sehe das trotzdem differenzierter. Der heimische Ampfer (Placke) stört auf Oberländer Feldern auch. Der lokale Fliegenpilz ist ebenfalls giftig. Unser Efeu verdrängt andere Pflanzen im Wald genauso wie invasive Pflanzen. Fazit: Veränderung ist eine Bedingung vieler Ökosysteme.

Wer einen Blick in den eigenen Garten wirft, dürfte dort sowieso alles andere als nur urschweizerische Gewächse finden. Und wer einen Blick über den Gartenzaun wirft, erkennt: Selbst wir selbst waren und sind stets invasiv. In unseren Genen zeigt sich die Abstammung etwa von Burgundern und Alamannen, welche die Schweiz von Norden her besiedelten. Und hätten wir nicht wie alle Neophyten eine grosse Anpassungs- und Fortpflanzungsfähigkeit bewiesen, wären wir heute nicht mehr hier. Nicht zuletzt verändern auch Touristen das einstmals geschlossene «Ökosystem» der Alpentäler. Und wenn sie lange bleiben und immer wiederkommen, nennt man sie Stammgäste. Und nicht Invasoren.