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Klassische Kontraste

Schwarz-Weiss-Denken ist ja verpönt. Schwarz-Weiss-Sehen gilt als veraltet. Schwarz-Weiss-Hören dagegen ist weder sonderlich bekannt noch deplatziert. Und genau das werde ich am 29. September denn auch tun: Am Swiss Chamber Music Festival in Adelboden das Konzert des Schwarz-Weiss-Duos mit Cellistin Ilona-Aleksandra Basiak und Pianist Mischa Kozłowskides besuchen.

Warum die zwei Polen genau diesen Namen für ihr Ensemble gewählt haben, kann nur erahnen. War es die Liederwahl? Immerhin interpretieren die beiden ebenso Kompositionen von Beethoven wie zeitgenössische Werke etwa des Berners Thomas Demenga. Oder bezieht sich der Name auf den Kontrast zwischen dem recht populären Pianisten und der weitgehend unbekannten Cellistin? Oder haben sich die beiden einfach vom gemeinsamen Schwarz-Weiss-Foto inspirieren lassen? Machen Kleider Namen? Oder die Geschlechter? Eine mögliche Erklärung sähe ich auch bei instrumentalen Differenzen: Der warme Holzklang des Streichinstruments versus die helleren, härteren Piano-Töne. Sind es am Ende gar die grossen Unterschiede zwischen dem Warschauer Musik-Studium und der Schweizer Alpenwelt, die das Duo geprägt haben? Oder sind die Unterschiede am Ende doch nicht so gross?

Ich weiss es nicht. Ich war auch noch nie in Warschau. Aber das Konzert in der Dorfkirche höre ich mir gerne an in der Hoffnung, dass sich der Schleier leicht lüftet. Und dass das Schwarz-Weiss-Hören das Schwarz-Weiss-Denken weiter reduziert. Ich bin da ganz Ohr.

Tasten gegen Saiten

Leipzig. Wir schreiben das Jahr 1730. Johann Sebastian Bach schreibt das Doppelkonzert für zwei Violinen in d-Moll. Dass der Orgel- und Klaviervirtuose dabei den Tasten nicht ganz abschwören konnte, sollte sich aber bald einmal zeigen: Bach arbeitete das Violinenstück später nämlich für zwei Cembali um – wir kennen es heute als Konzert in c-Moll. Dass der erste Satz des Werks ein Fugen-Thema enthält, spricht ebenfalls für den Pianisten Bach. Diese Art der mehrstimmigen Melodieführung hatte er schliesslich acht Jahre zuvor im «Wohltemperierten Klavier» perfektioniert.

Bern. Wir schreiben das Jahr 1999. Ich versuche mich als Hobby-Pianist an den Fugen und Präludien im «Wohltemperierten Klavier». Die mathematische Komplexität der Themen fordert jeden einzelnen Finger, ich meistere nur Bruchstücke der Partitur. Heute kann ich knapp noch den Anfang des Präludiums in c-Moll spielen, dann versagen meine Hände. Wohlgemerkt: Im Vergleich zu einem Violinenkonzert handelt es sich beim «Wohltemperierten Klavier» nur um eine Sammlung von Fingerübungen. Vielleicht sollte ich das Feld doch wieder den Streichmusikern überlassen …

Adelboden. Wir schreiben das Jahr 2015. Am Eröffnungskonzert des Swiss Chamber Music Festivals erweist das Ensemble Geneva Camerata Bach die Ehre. Es spielt am 25. September unter anderem auch das Doppelkonzert für zwei Violinen in d-Moll. Hier schliesst sich nun der Kreis. Das Konzert gehört wieder den Geigen. 24 Streicher gehören immerhin zum Orchester. Wobei – ganz geschlagen geben sich die Pianisten dann doch nicht: Zur Geneva Camerata gehört nämlich auch ein Keyboarder. Ich hoffe, er hat flinke Finger.