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Das epische Luftduell

Während ich diese Zeilen schreibe, nähert sich Chrigel Maurer gerade dem siebten Wendepunkt bei den x-Alps. Dass der Gleitschirmprofi und fünffache Titelgewinner wieder einmal vorne liegt beim legendären Hike&Fly-Rennen, überrascht nicht. Erneut ist der Pilot so zügig unterwegs Richtung Mittelmeer, dass ihm seine Supporter teils kaum folgen können. «Chrigel ist superschnell», meldet das Team. Und keiner widerspricht.

Erstaunlicher ist aber, wie stark die Franzosen dieses Jahr fliegen. Alle vier x-Alps-Teilnehmer aus dem Nachbarland sind heute Mittwoch in den Top Ten, und der Franzose Maxime Pinot klebt Chrigel Maurer seit geraumer Zeit als Zweiter im Nacken. Entsprechen schreiben die Organisatoren in ihren Newsbeiträgen: «France vs. Switzerland? Es kann nur einen Sieger geben» oder «Das epische Duell geht weiter».

Gerade hat Maurer einen Vorteil, da er derzeit über der Schweiz fliegt, wo er sich auskennt. Die letzten Etappen des Rennens verlaufen aber in Frankreich – und dort ist Maxime Pinot im Vorteil. Ein Fan hat dem Franzosen gestern sogar geschrieben: «Du bist der Adler des Tages.» Adler? Ich dachte, dieser Übername sei bereits vergeben. Aber vielleicht kann es diesmal ja mehr als einen geben …

Das Geheimnis des Adlers

Chrigel Maurer hat zum vierten Mal das Red Bull X-Alps gewonnen. Nach gut 8 Tagen kam der Gleitschirmcrack mit einem Vorsprung von über 100 Kilometern beim letzten Wendepunkt oberhalb von Monaco an (Ihr könnt euch vorstellen, dass es mich ganz schön viel Arbeitszeit gekostet hat, ihn dabei die ganze Zeit per Online-Tracking zu verfolgen). «Der hohe Druck des Rennens ist vorüber und ich bin sehr glücklich über das Resultat», sagte der gebürtige Adelbodner gegenüber den Organisatoren.

Doch warum nur ist Chrigel Maurer so gut in der Luft? Das haben sich auch die Veranstalter von Red Bull gefragt und sind zu folgendem Schluss gekommen: Erstens ist er ein Naturtalent, das schon früh mit seinem Gefühl für Schirm und Luft beeindruckte. Zweitens trainiert Chrigel unglaublich viel. Zusammen mit seinen Flügen als Testpilot verbringt er etwa 300 Stunden im Jahr in der Luft. Drittens verfügt der Oberländer über enorm viel Wettkampferfahrung – sowohl in der Schweiz als auch international. Viertens glänzt Maurer im technischen Bereich mit einer oftmals direkten, schnörkellosen Routenwahl. Fünftens kann der Paraglider überall so einfach landen, als ob er nur aus dem Bus steigen würde. Sechstens sind es die minutiösen Vorbereitungen im Team, die ihn auf alle Eventualitäten im Wettkampf vorbereiten.

Siebtens schliesslich – dieser letzte Punkt stammt von mir – gehört Chrigel Maurer wohl einfach zu denen, die erst dann am besten sind, wenn die Luft dünn wird.

Ich und der Adler

Was für ein Zufall: Vor zwei Jahren habe ich erstmals einen Gleitschirm-Tandemflug gebucht. Von Mäggisseren oberhalb von Frutigen aus. Mein Pilot flog damals kurz vor der Landung eine veritable Todesspirale – mir war danach noch stundenlang übel. Und nun postet SRF-Moderator Nik Hartmann gerade auf facebook: «Guten Morgen aus dem Engstligtal! Wir sind mit dem ADLER von Adelboden, dem weltbesten Gleitschirmpiloten Chrigel Maurer am Drehen. CRAZY!!!!!» Und wo genau dreht das SRF-Team für ihre Sendung «Bi de Lüt»? Sie haben es erraten: Unter anderem auf Mäggisseren! Oder täusche ich mich da? Jedenfalls hat Nik auch gleich ein Beweis-Video aufgeschaltet, wo Chrigel beim Start haarscharf einen vorbeifahrenden Pickup-Truck samt Passagieren auf der Ladefläche überfliegt.

Da überkommt mich die Erinnerung. Hier bin auch ich gestartet. Und nun schon wieder so ein haarsträubendes Flugmanöver, und schon wieder spüre ich dieses flaue Gefühl im Magen. Aber die Online-Reaktionen geben Nik und dem Adler recht: Über 40’000 Personen haben sich das mittlerweile schon angesehen, und über 500 haben den Post mit «gefällt mir» markiert. Die Kommentare reichen von «Hammer» bis «Nik, chunsch uf nes Kafi?».

Vielleicht sollte ich die Vergangenheit ruhen lassen und selbst wieder einmal in die Lüfte steigen. Vielleicht sehe ich mir aber auch einfach das Engstligtal-Special von «SRF bi de Lüt» an. Und verdrücke dazu zwei Tafeln Schweizer Schokolade. Mann, sei stark – eines von beidem muss mein Magen jetzt einfach aushalten.