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Wir bleiben rustikal

Ich miete seit Jahren zusammen mit einigen Kollegen dieselbe Alphütte. Einige davon sehe ich eigentlich nur an diesem einen Wochenende. Dementsprechend viel wird geplaudert. Viele Alternativen dazu gibts dort ja nicht: Das Massenlager bietet nur wenig Privatsphäre. Im Schein der Petrollampen ist Lesen kein Vergnügen. Im Badezimmer verbarrikadieren ist unmöglich: Es gibt keine Dusche, nur ein Plumpsklo. Das Handy kann auch nicht lange beansprucht werden: Es gibt keinen Strom zum Laden. Also wird geplaudert und Holz gehackt – sonst kann man ja nicht einmal kochen.

Das Erstaunliche ist, wie wenig einen dieser Mangel an Komfort stört. Im Gegenteil, es ist ein wohltuendes Gegengewicht zum alltäglichen Luxus. Doch nun wurde uns mitgeteilt, dass die Alphütte dieses Jahr totalsaniert wird – es kommen Dusche, Strom, Heizung, Licht und WC-Spülung. Was nun? Einerseits würde es mich freuen, nicht mehr den grossen Petrolkanister oder den Schürhaken schwingen zu müssen. Andererseits fällt für mich ein grosser Teil des Charmes dieser Unterkunft weg, wenn er sich im Standard meinen sonstigen Zuhause annähert. Was solls, auf der Webseite von Adelboden Tourismus gibt es unter der Rubrik Unterkunft/Alphütten ja noch genügend Alternativen. Ich hätte da bereits einige Favoriten.

Politik fürs Euter

Mein untrainierter Bizeps schmerzt. Ich helfe nämlich gerade diversen Freunden fleissig beim Zügeln. Auch die Kühe ziehen bald wieder auf die Alpen rund um Adelboden. Die schmerzt dabei aber weniger der Bizeps als der tiefe Milchpreis. Dabei gibt es gute Gründe für die lokale Produktion des weissen Goldes: Die Schweiz ist ein Grasland, Viehhaltung hat eine lange Tradition. Dank den Wiederkäuern konnten die Randregionen bewirtschaftet werden, sie sorgten massgeblich für Magerwiesen, Artenvielfalt und fruchtbare Flächen im Tal.

Auf die 3500 Einwohner des Lohnerdorfs kommen 3000 Kühe – das zeigt, welchen emotionalen Wert die Tiere für die Bevölkerung haben. Die Gäste wiederum werden auf ihren Wanderungen mit einem «Heidi-Feeling» belohnt, das sie sich nicht mit einem Schluck aus dem importierten Tetra-Pak verderben sollten. Die Engstligtaler Kühe gehören nicht nur zur Biodiversität, sie sind auch deren Bedingung und die Alpenmilch ihr Resultat. Und dieses wiederum sollte auch seinen Preis haben dürfen.

Item. Die öffentliche Milchdebatte läuft. Wer den grossen Auftritt scheut, kann das heikle Thema ja auf seiner nächsten Bergwanderung gerne mit dem Sennen seiner Wahl unter vier Augen besprechen. Ich bin sicher, der serviert einem dabei gerne ein Glas direkt vom Euter.