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Zahlenverwandtschaft – ein Nachtrag

Mitte Monat habe ich das österreichische Sitzendorf mit Frutigen verglichen. Weil beide Gemeinden dieselbe Postleitzahl haben. Diese Woche wäre es nun eigentlich angemessen gewesen, die Mini-Serie mit Adelboden fortzuführen. Aber mit der Postleitzahl des Lohnerdorfs ist das so eine Sache. 3715 scheint eine einzigartige Kombination zu sein. Immerhin habe ich mich an ein paar Orten umgesehen, wo zumindest die Strassen diese Nummer tragen.

Da gibt es die 3715 San Marino Street in Los Angeles: Es ist eine mittelklassige Wohngegend mit vergitterten Fenstern an den Häusern (siehe Bild). Immerhin wachsen am Strassenrand ein paar Palmen. Weiter zu 3715 Northside Parkway im US-amerikanischen Atlanta. Riesige Büro- und Wohnkomplexe, wieder unzählige Parkplätze – jetzt zeigen sich dafür Wälder am Horizont. Und schliesslich die 3715 Tallyho Drive in Sacramento: Viel Grün prägt das Strassenbild in dieser Wohngegend mit niedrig gebauten Einfamilienhäusern. Viele Ahorne und Tannen säumen die Wege entlang der grosszügigen Grundstücke.

Interessanterweise befinden sich alle diese Orte in den Vereinigten Staaten. Ob das etwas damit zu tun hat, dass in Adelboden im Zweiten Weltkrieg US-Soldaten interniert waren? Haben die GIs die Zahl 3715 mit nach Übersee genommen und dort als Souvenir im Strassenbild verewigt? Nein, diese Möglichkeit fällt weg: Die Schweiz hat die Postleitzahlen erst 1964 eingeführt. Damit bleiben die Hintergründe der numerischen Gemeinsamkeiten vorerst im Dunkeln. Es sei denn, Sie lüften das Geheimnis bei der nächsten US-Reise selber – oder laden einen Kalifornier ins Oberland ein.

Gestatten, digitaler Alpnomade

Eigentlich dachte ich, mein kleines Home-Office-Pensum sei äusserst modern. Doch nun lese ich, dass die Anzahl öffentlicher Gemeinschaftsbüros in der Schweiz in den letzten vier Jahren von unter 50 auf 180 gestiegen ist. Gleichzeitig hat sich die Anzahl Coworker in diesen Coworking-Spaces von unter 2000 auf etwa 10000 erhöht. Auch an Adelbodens Dorfstrasse wurde ein entsprechendes Pop-up-Angebot eröffnet (kein Wunder bei dem schnellen WLAN). Muss ich den Computer im eigenen Schlafzimmer also wieder einpacken?

Nun ja, für manchen ist Pendeln wirklich Arbeitszeitvergeudung. Und Heimarbeit eignet sich tatsächlich nicht für alle. Ausserdem ist es sicher zeitgemäss, die mietbaren Arbeitsplätze nicht nur in Zentren, sondern auch in den Randregionen anzusiedeln. Wenn Digitalisierung ortsunabhängig macht, warum sollten Städte noch eine Sonderstellung im Arbeitsmarkt geniessen? Im Gegenteil, da eine inspirierende Arbeitsumgebung immer wichtiger wird, sind die Berggebiete eigentlich im Vorteil. Hier oben fallen einem Weitblick und Höheflüge nämlich buchstäblich in den Schoss, und das wird sich auch in den Resultaten spiegeln.

Gut. Ich schreibe das jetzt noch fertig in meinem Schlafzimmer. Denn auch Schlaf macht kreativ. Aber wer weiss, vielleicht trinke ich den nächsten Pausenkaffe ja bereits als digitaler Alpnomade.

Pelzige Einkaufsbegleiter

Plezig und bärtig kommen sie daher, die Pelzmartiga. Die mit Pelz und Maske verkleideten Gestalten sollten noch vor ein paar Jahrhunderten die Geister des alten Jahres vertreiben und vor Unheil bewahren. Denn die Bergdörfer waren früher nicht nur vom Bär und Wolf bedroht, sondern auch von anderen Gefahren wie Lawinen, Wassernot, Hunger, Armut oder Krieg.

Dieser Altjahrsbrauch wird in Kandersteg auch heute noch gelebt: Zwischen Weihnachten und dem Neujahrstag sind die Pelzmartiga im Dorf unterwegs, mischen sich unter die Besuchenden und erschrecken dabei Wintergäste und Einheimische lautstark mit Kettengerassel und Treichlen.

Auch in Adelboden sind die Pelzmartiga während des Christmonates allgegenwärtig. Beim Einkaufen in den einheimischen Geschäften werden Sammelmarken, sogenannte Pelzmartiga, abgegeben. Mit der gezeigten Loyalität gegenüber dem Adelbodner Gewerbe und vollen Sammelkarten gibts Rabatte sowie die Chance an einer Verlosung tolle Preise zu gewinnen – also nichts wie los: die pelzigen Einkaufsbegleiter warten nicht!

Ein grosses Revier

Irgendwie hat sie es eilig, die Revier-Hotelgruppe. Nachdem das Unternehmen Ende 2017 die Revier Mountain Lodge in der Lenzerheide eröffnet hatte, wurde auch in Adelboden ein entsprechendes Projekt vorangetrieben: An der Dorfstrasse soll auf der «Alpenrose»-Liegenschaft bekanntlich das zweite Schweizer Revier-Hotel entstehen. Und nun lese ich gerade, dass im arabischen Emirat Dubai der Bau des «Revier Dubai Business Bay» voranschreitet. Noch ein Hotel also.

Adelboden und Dubai – dass die junge Hotel-Kette gerade auf diese beiden scheinbar so unterschiedlichen Orte setzt, hat sicher seine Logik. Tatsächlich weisen das Engstligtaler Chaletdorf und die arabische Millionenstadt viele Gemeinsamkeiten auf:

  • beide beweisen einen Hang zur Höhe: Dubai hat mit dem Burj Khalifa einen Wolkenkratzer der Superlative. Mit seinen gut 800 Metern sieht dieser neben dem Lohner (3049 m ü. M.) allerdings eher zierlich aus.
  • beide ziehen massenhaft Gäste an: Das gilt in Adelboden für den rekordverdächtigen Sommerbetrieb 2018 wie für den Januar, wo jeweils Zehntausende zum Weltcup pilgern. Dubai wiederum hat jährlich um die 15 Millionen Besucher …
  • beide lieben den Schneesport: Dubai verfügt über eine Skihalle mit fünf Abfahrten, die grösste davon ist 400 Meter lang. Gegen die 210 Pistenkilometer von Adelboden-Lenk sieht der grösste Indoor-Snowpark der Welt jedoch immer noch klein aus.
  • Muss ich noch erwähnen, dass beide Orte einen Greifvogel im Wappen haben, und dass die Reviergruppe in Dubai moderne Working Spaces plant, ähnlich dem Mountain Hub Adelbodens?

Die Liste der Gemeinsamkeiten liesse sich wohl endlos weiterführen. Vielleicht eines noch: beide Orte ziehen sich gegenseitig touristisch an. So kommen jährlich mehr arabische Reisende ins Oberland. Umgekehrt besuchen vor allem Schweizer Politiker die arabische Halbinsel. Bei Letzteren darf man sich zwar getrost fragen, ob das wirklich noch ihr Revier sein sollte. Aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr …

Das Echo im Bütschi

Das Vogellisi kommt nach Hause – bereits zum zweiten Mal. Nach der Derniere des gleichnamigen Theaters in Steffisburg richten sich die Augen wieder Richtung Engstligtal. Dort erhält der Originalschauplatz der Geschichte im Adelbodner Bütschi nun mehr Aufmerksamkeit. Einige der insgesamt 19000 Besucher der beiden Theater-Spielsaisons möchten nun sicher auf einer geführten Wanderung erfahren, wie die wahre Kulisse der Legende aussieht. Die Melodie, die unterwegs pfeifen, dürfte dabei dieselbe bleiben: Das Vogellisi-Lied wurde schliesslich bereits bei der letzten Vorstellung vom Publikum angestimmt.

Warum das Lied so gut zur Gegend passt? Ich habe mir die Partitur noch einmal angesehen und dabei erstaunlich Wechselwirkungen zwischen Noten und Text festgestellt. So kommt das Wort «Adelboden» zweimal vor. Einmal beschreibt die Melodie in G-Dur einen Bogen mit den Noten G-A-H-A-G. Für Musik-Muffel: Es geht hier hinauf und wieder hinab. Es geht vom Grundton vorwärts und zurück. Es geht zu Berg und wieder zu Tal. Eigentlich genau das, was eine Rundwanderung im Bütschi ausmacht. Eigentlich tönt es also genau so, wie die Landschaft aussieht. Beim zweiten «Adelboden»  im Liedtext verharrt die Melodie dann allerdings vier Achtel lang auf dem oberen D. Für Musik-Muffel: Das ist der höchste Ton im gesamten Lied, der da auf einer Linie gehalten wird. Es ist, als ob hier das das Hochplateau der Engstligenalp musikalisch dargestellt würde. Es klingt wie der Berggrat Richtung Ammertenspitz oder der Hahnenmoospass.

Genug der Theorie. Wer das Vogellisi-Lied im Bütschi trällert, kann sich jedenfalls auf eines verlassen: Das Lied findet dort nicht nur ein Echo am Berg, sondern ebenso der Berg im Lied. Und das klappt auch ohne Theater.