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Der wahre Wert der Nische

Ich fuhr heute an meinem Lampengeschäft vorbei und bemerkte, dass es wieder geöffnet ist. Ich trat ein und wurde auch prompt bedient. Da der Laden nebst Lampen auch «überlebenswichtige» Batterien verkauft, ist das anscheinend neu erlaubt. Lieferdienste, Take-aways, Online-Beratungen – viele Betriebe suchen und finden derzeit eine Nische, in und mit der ihr Geschäft auf irgendeine Art weitergeführt werden kann. Eine Nische finden – das klingt eigentlich vertraut und gemütlich.

Auch das Leben an sich, auch der Alltag neben der Arbeit wird derzeit in eine Nische gedrängt. Und das ist eben das Merkwürdige an der aktuellen Situation: «Nische», «Zuhause» oder «Nähe» sind eigentlich positiv besetzte Begriffe, die uns Wärme, Sicherheit und Ruhe versprechen. Da sollte man nicht gedrängt werden. Die letzten Wochen haben diese Werte allerdings auf den Kopf gestellt. Plötzlich wird Nähe zu anderen gefährlich, und in der engen Nische, im noch so gemütlichen Zuhause fällt uns die Decke auf den Kopf.

Wenn wir früher oder später wieder zur Normalität zurückkehren, müssen auch die Wörter wieder ihren gewohnten Platz finden. Es bedeutet viel, wenn die Bedeutung stimmt. Und genau das wird erreicht, wenn wir in bald wieder lange und weit raus in die Natur gehen können: Dann kehren wir gerne aus der Weite ins kleine Zuhause zurück, dann ist die Nische nicht überlebenswichtig und behördlich verordnet – sondern einfach nur gemütlich.

Eine Bühne für die Hoffnung

Reisen ist momentan ja gar nicht angesagt. Coronavirus und so. Andererseits sind geschlossene Räume und die Enge der Stadt genauso ungünstig – alleine und draussen lässt sich das empfohlene «Social distancing» nun einmal viel besser realisieren. Dies wiederum spräche dafür, sich für eine Weile in eine einsame Waldhütte im Berner Oberland zurückzuziehen. Nicht reisen. Einfach mal dort bleiben. Nur die Stille suchen. Teil des schweigenden Forsts werden. Das virale Unwetter vorüberziehen lassen.

Aber klar, auf die Dauer schlägt totale Isolation auf die Psyche. Also wieder weg? Aber wohin soll man, wenn man nirgends hin soll? Nun, es gäbe auch noch die Möglichkeit, nicht zu reisen, sondern reisen zu lassen. Zum Beispiel hätte das nächste Theater der Oberländer Märlibühni «Der grosse Traum – eine abenteuerliche Reise zu Vogellisis Wurzeln» geheissen. Da hätte man einfach mal zusehen können, wie die Vorfahren der Kräuterfrau von Adelboden nach New York düsen.

Am 17. April sollte die Showserie in Steffisburg beginnen. Nun musste das Theater zwar abgesagt werden. Coronavirus und so. Trotzdem sollte man sich ans Script von «Der grosse Traum» halten: Darin geht es unter anderem um Hoffnung, um ein besseres Leben, um Freundschaft und um Glück. Und dafür finden wir immer eine Bühne.

Konstant bewegt

Dass der neue Vogellisi-Spielplatz beim Adelbodner «Adler»-Areal steht, ist irgendwie naheliegend. Allerdings blickt die zugehörige Kletterskulptur ja mit Hand an der Stirn Richtung TschentenAlp – zieht es sie schon woanders hin? Tatsächlich war das Lisi stets in Bewegung, und das bleibt auch so. Wird nämlich das geplante Erlebnisbad auf dem «Adler»-Areal realisiert (siehe Bild), müsste der Spielplatz im Dorfzentrum bereits wieder versetzt werden.

Wie gesagt, das Weiterwandern gehört zu Vogellisis Naturell, und damit ist es nicht alleine: Auch die TALK-Zentrale zügelt Ende März – von der Frutiger Parallelstrasse zum sanierten Bahnhof. Und während ich dies für den Vogellisi-Blog in die Tasten haue, bin ich nicht einmal in diesem Büro, sondern ebenfalls am Umherstreifen. Ein bewegter Autor einer bewegten Zentrale schreibt über eine bewegte Figur – bei allem Wandel könnte man das auch Konstanz nennen.

Der Vorteil des Südens

Ich bin fremdgegangen. Zumindest ferientechnisch. Treulos über die Gemmi habe ich mich Richtung Leukerbad verdrückt. Dort sass ich dann also mit schlechtem Gewissen in der örtlichen Sportarena und ass Pommes – was mich natürlich gleich wieder an Adelboden erinnerte. Nicht wegen des langsamen Service-Personals im Oberwallis. Sondern weil mich das langsame Service-Personal zwang, den Curling-Spielern unten in der Halle zuzusehen. Mit Stein und Besen sind die EngstligtalerInnen ja stark. Und als ich länger durch das Plexiglas-Fenster blickte, verschwand auch mein schlechtes Gewissen.

Dann bin ich halt fremdgegangen. Es gibt ja noch andere BernerInnen, die für den Sport das Wallis auserkoren haben. Es gibt die Adelbodner Curlerin Céline Koller, die mit dem Oberwalliser Team Stern gerade Schweizermeisterin geworden ist (siehe Bild). Zehn Siege in Serie, Gold, Weltmeisterschafts-Ticket, voilà: Dafür hat sich der südliche Ausflug doch gelohnt. Und schliesslich ist die Gemmi eine Verbindung, die während des ganzen Jahres in beide Richtungen funktioniert. Anders gesagt: Nur der kann erfolgreich heimkommen, der vorher in die Fremde gegangen ist. Da muss sich keiner rechtfertigen. Und letztlich waren die Pommes unter dem Daubenhorn ja auch ganz lecker.

Die längste Minute

55 Sekunden. So kurz dauert die Fahrt der Slalomcracks beim Weltcup am Chuenisbärgli. Mit etwa 70 Sekunden ist die Riesenslalom-Elite am kommenden Wochenende nicht viel länger unterwegs. Tja. Von solchen Geschwindigkeiten kann ich momentan nur träumen. Nach einem Unfall bin ich schon froh, wenn ich es in einer Minute bis ins Wohnzimmer schaffe.

Aber die Krücken-Phase hat auch ihr Gutes. Ich bin achtsamer denn je. Es gibt Leute, die horrende Summen in Seminare und Kurse investieren, um sich die Konzentration auf den Moment mühsam anzutrainieren. Für mich dagegen ist Achtsamkeit ein nützliches, ja unverzichtbares Instrument geworden. Ich kann gar nicht mehr anders. Denn ohne penibel auf den nächsten Schritt zu achten, fiele ich rasch auf die Schnauze.

Plötzlich entwickle ich grossen Respekt vor der Arbeit der Wegmeister und Winterdienste, die mir das Trottoir mit Salz und Kies sicherer machen. Plötzlich habe ich Musse, um den Blick an der Ecke schweifen zu lassen. Hier sitzt eine Dohle. Da verläuft eine Fuchsspur. Dort scheint die Sonne in 15 Minuten hin. Dafür lohnt es sich, zu warten. Nein, das wird definitiv nicht mein sportlichster Winter. Aber so viele grosse Momente habe ich auf so kleinem Raum selten erlebt. Den Tempo-Titel können sich am Chuenisbärgli derweil andere holen – in einer der vielen Minuten des Winters.