Geschichten verzapfen

Im Kindergarten starrten die Erzieher stets sorgenvoll auf den höchsten Baum, auf dessen Wipfel ich thronte und partout nicht mehr runter wollte. Als Jugendlicher fühlte ich mich auf dem Gipfel des Wildstrubels heimisch. Aber erzählt habe ich von beidem selten – weil Geniesser schweigen.
Nun bin ich ein paar Jahrzehnte älter, und draussen ist es saukalt. Beides motiviert nicht gerade für einen Wiedereinstieg in die Senkrechte. Gäbe es da nicht das Eisklettern. Ja, das sieht wirklich spektakulär aus, und Wasserfälle mag ich auch in gefrorenem Zustand. Am Zapfen hängen klingt nicht nur cool, es fühlt sich sicher auch so an.

Als Schreiberling habe ich mir natürlich sofort das nötige Vokabular zugelegt. Man will ja mitreden können. Nun kann ich abends lässig am Tresen fläzen und locker-flockig folgende Geschichte vortragen: «Da hing ich also mit meinem schweren Rack mitten im Runout, unter mir der Serac, über mir die Crux. Das Drytooling hatte mich schon völlig ausgelaugt, und nun auch noch Blumenkohleis! Zum Glück konnte ich im Ägypter noch einen Abalakow setzen, sonst hätte es mich richtig in die Gurte geknallt.» Spätestens jetzt würde sich wohl ein Bergführer zu mir drehen, kurz verächtlich schnauben und den Blick sogleich wieder abwenden.

Vielleicht sollte ich es ja erst einmal mit einem Eiskletter-Anfängerkurs der Alpinschule Adelboden versuchen. Reden ist das eine, wissen, wovon man redet, das andere. Ein Baum ist halt kein Wasserfall, und überhaupt: Ich glaube nicht, dass erfahrene Eiskletterer gross mit ihren Erlebnissen hausieren gehen – weil Geniesser schweigen.

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