Das Streusalz in der Wintersuppe

Es gibt ja eigentlich nichts Deprimierenderes als verregneten Schnee. Doch ich verspürte für einmal bereits Frühlingsgefühle und fuhr morgens per Velo übermütig durch den Matsch. Und schon wechselte die Farbe meiner braunen Lederschuhe in ein verkrustetes Grau-Beige mit hübschen Flecken und Ringen. «Blödes Salz», dachte ich.

Am Mittag biss ich dann allerdings auf eine fade Nudel und wünschte mir sofort, ich hätte vorher ein wenig mehr vom lebensnotwendigen Mineralstoff ins Wasser gegeben. «Auch Wildtiere sind gerade Ende Winter auf Natriumchlorid angewiesen, also kann Salz doch nicht so schlecht sein», fügte ich für mich hinzu. «Andererseits schädigt der Salzeinsatz den Strassenbelag und die Pflanzen am Strassenrand», entgegnete der Streukritiker in mir. «Was ist die Alternative? Die Sicherheit auf den Strassen geht vor», antwortete ich pragmatisch. «Ausserdem hat das Ganze auch eine wirtschaftliche Seite – in der Schweiz wird jährlich schliesslich über eine halbe Million Tonnen Salz produziert.» «Eine halbe Million Tonnen, die bald unser Grundwasser verseuchen wird!», versetzte der Ökologe in mir.

Inzwischen war es Abend geworden, und die Temperaturen sanken wieder deutlich in den Minusbereich. Im Dunklen suchte mein Fuss abseits der Strassenlaternen nach einer unvereisten Stelle auf dem Trottoir und ich merkte, dass der Weg zum Glück gesalzen war. Und zum Glück war es auch zu dunkel, um die Flecken auf meinen Schuhen zu sehen, sonst hätte das Selbstgespräch nämlich nie geendet.

 

 

 

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.