Früher für später

Ich trage ja keine funkgesteuerte Atomuhr und bin auch sonst lieber analog als digital. Und dieses Mal hätte ich die Zeitumstellung darum beinahe wieder verpasst. Fast wäre ich überrascht im Büro aufgetaucht und hätte mich gefragt, warum alle anderen schon seit einer Stunde arbeiten. Aber nur fast. Meine Küchenuhr hat mich nämlich gerettet: Weil ich nicht weiss, wie man die stellt, zeigt sie sowieso immer Sommerzeit an. Schön, wenn einem jemand das Denken abnimmt. Aber eine Stunde habe ich trotzdem verloren.

Die Uhr nach vorne stellen? Nach hinten? Länger hell oder früher dunkel? Im Gegensatz zur komplizierten Zeitumstellung lobe ich mir da doch das Frühlingsskifahren in Adelboden: Hier ist von Anfang an klar, dass man sowohl früher am Morgen beginnen als auch später in der Saison aufhören kann. Dass man nicht auf der Piste auftaucht und sich fragt, warum alle anderen schon seit Stunden fahren. Weil man eh vorher oben ist. Schön, wenn einem jemand so die Abfahrt bis zum Schluss freihält. Meine verlorene Stunde ist damit rasch wieder kompensiert.

Es lebe der Zivilschutz

Wie jedes Jahr habe ich auch diesen Frühling wieder ein nettes, graues Couvert mit einem gelben Aufgebot bekommen. In einem Anfall geistiger Umnachtung hatte mich einst für die Kochbrigade des Zivilschutzes entschieden. Seither verbringe ich regelmässig Wochen in den stickigen Küchen anonymer Bunkeranlagen. Ohne Tageslicht und oft ohne zu kochen. Denn ein Grossteil der «Arbeit» besteht meist aus Abräumen, Abwaschen – und natürlich Warten.

Während meine Hände also gerade einen schmierigen Fettfilter des Dunstabzugs schrubben, sinniere ich über Sinn und Unsinn meiner Dienstleistung. Dabei wird mir bewusst, dass sich nicht alle Zivilschützer nur damit befassen, wie man Fertigsaucen unterirdisch korrekt anrührt. Am Weltcup in Adelboden etwa erbringt diese Organisation meist über 3000 Diensttage. Und obwohl  es noch zehn Monate bis zum nächsten Rennen sind, hat dieses Engagement durchaus seine Aktualität.

Letzte Woche hat der Grosse Rat nämlich mit einer überwältigender Mehrheit von 125:2 einen Verpflichtungskredit von 750’000 Franken für die Jahre 2016 bis 2020 genehmigt. Das sind bis 150’000 Franken pro Jahr für Zivilschutzeinsätze beim Adelbodner Rennzirkus. Nur zwei Grossräte haben indes gegen die Beiträge gestimmt, und die waren sicher nie Köche beim Zivilschutz. Denn diese würden einfach jede Chance nutzen, um nur einmal an die frische Luft zu kommen.

Die Alpendohle ist der vorbildliche Rabe

Es heisst ja, ein Rabe oder ein Adler habe das Vogellisi beim Kräutersammeln begleitet. Ich denke, das hätte geradeso gut auch eine Alpendohle sein können. Ich meine, das ist ein geselliger Allesfresser, der seinem Partner / seiner Partnerin bis zum Tod treu bleibt, der Wind und Wetter trotzt, der im Winter trotz Frankenstärke in der Destination bleibt und der stets pfeift, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Ich beobachte die Dohle gerne, wie sie ihren Teil vom Tourismus-Kuchen einfordert, wenn sie etwa im Bergrestaurant Pommes vom Teller stibitzt. Danach segelt sie akrobatisch hinunter nach Frutigen, wo bei der Igelstation im Oberdorf ja auch noch der ein oder andere Leckerbissen zu holen ist.

Ja, diese Vögel aus der Familie der Raben sind vorbildlich für die Region. Bei Gefahr schliessen sie sich zu wehrhaften Gruppen zusammen (dieses Verhalten habe ich in Adelboden in letzter Zeit auch bei Menschen beobachtet). Und bei der Balz breitet das Dohlen-Männchen elegant die Flügel aus, um sich vor dem Weibchen zu verneigen. Da könnte der eine oder andere beim holprigen Flirt an der Aprés-Ski-Bar sicher noch was dazulernen, oder?

 

 

Flämmli

Schon wieder ein Beitrag über Schnaps? Sorge dich nicht schöner Leser! Sogar für mich sind bei diesem Wetter keine Heldentaten auf der Piste möglich. Kaffee fertig und Kaffe Lutz sind veraltet, Flämmli ist das Kultgetränk. Das Getränk wird nicht einfach bestellt und runtergespült, man muss es sich erarbeiten. Das Ritual wird folgendermassen zelebriert: Eine Tasse Espresso mit Zucker trinken und eine kleine Schicht am Boden der Tasse übrig lassen. Nun wird der Schnaps (Williams) in die Tasse gefüllt und zusammen mit einem Würfelzucker angezündet, bis dieser caramelisiert ist. Wegen Verbrennungsgefahr wird das Feuer nicht ausgepustet, sondern mit der Hand erstickt. Obwohl sich diese Anleitung einfach liest, ist schon manches Flämmli in die Hosen gegangen. Am besten kurz einem Profi zuschauen und sich erst danach an das erste Flämmli wagen.

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Der Vorteil von einem Flämmli? Warme Hände und einen fantastischen Geschmack auf der Zunge!

 

Was bitte ist «Toponomastik»?

Auf einem Spaziergang durch Adelboden bin ich über diverse Flurnamen gestolpert. Tja, ein Schwede oder Isländer wundert sich wohl weniger, wenn er etwa dem «Lismiweg» oder dem «Chuebächli» entlang schlendert. Ich aber halte dort sofort Ausschau nach herumliegenden Wollknäueln oder nassen Paarhufern. Und dieses Kopfkino bei speziellen Ortsnamen lässt sich unterwegs nur schwer bremsen: Bekomme ich auf dem «Lohner» meinen Zahltag? Verweist das «Hahnenmoos» auf leckere Pouletflügeli auf Salat? Müsste die «Hubelstrasse» dringend saniert werden? Was fehlt im «Schwand», werde ich in der «Hohliebi» glücklich und hat das «Geils» eine erregende Wirkung?

So viele Fragen. Auf meinem Spaziergang  habe ich mir darum zwei Möglichkeiten ausgerechnet: Entweder ich ignoriere meine Neugierde und tarne mich fortan als Schwede oder Isländer. «Jag förstår inte», würde ich mir dann einfach schulterzuckend sagen («Ich verstehe nichts»). Oder ich beisse in den sauren Apfel und betreibe etwas Ortsnamenforschung. Leider nennt sich diese Wissenschaft auch «Toponomastik». Würg. Das klingt so dermassen abgehoben und kompliziert, dass ich meine Suche am liebsten sofort wieder beenden möchte. Nur so viel: «Schwand» gehört tatsächlich zum Verb «schwinden» und meint Orte, wo der Wald verschwunden, also gerodet worden ist. Aber was das Wort «Geils» anbelangt: Viele unserer Urahnen stammen aus dem Norden und haben ihre Sprache bei der Völkerwanderung auch in der Schweiz verankert. So wissen Schweden oder Isländer, dass «Geils» oder «Gil» einen Geländebruch oder ein enges Tal mit Bach bezeichnet. Das haben die nämlich erfunden, «om jag förstår det rätt» («wenn ich das recht verstehe»).