1001 Logiernacht

Ich lese gerade, dass Adelboden diesen Mai mehr als doppelt so viele Logiernächte zählte als im Vorjahr. Und wem verdanken wir das? Klar, in erster Linie den Schweizer Stammgästen (plus 1000 Übernachtungen). Dicht dahinter folgen aber – man staune – die Inder. Und es sollen ja noch mehr davon kommen. Die am stärksten wachsende Reisenation der Welt wird von Schweiz Tourismus nämlich weiterhin eifrig und mit freundlicher Hilfe von Bollywood beworben. Aber sind wir wirklich bereit für dieses Gästesegment?

Viele der neuen indischen Gäste arbeiten zu Hause ja im IT-Bereich. Da können wir mit dem lokalen Glasfasernetz ganz schön auftrumpfen. Inder lieben Berge und Wasser. Davon haben wir ebenfalls reichlich. Aber wie steht es mit den Social Skills? Der Gastfreundschaft? Höchste Zeit, wieder einmal die beliebte Broschüre «Inder zu Gast in der Schweiz» von HotellierieSuisse zur Hand zu nehmen. Auf dem Frontcover sieht man eine Inderin, die den kopf plakativ von einer Niki-de-Saint-Phalle-Statue im Hintergrund abwendet. Warum denn nur? Es folgt ein Ghandi-Zitat: «Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg.» Okay. Ich wusste gar nicht, dass sich der Tourismus gerade im Kriegszustand mit seinen Kunden befindet. Oder vielleicht sogar mit Niki-de-Saint-Phalle? Aber gut. Ich bleibe friedlich und lese weiter.

In der Broschüre folgen nun endlich die wertvollen Tipps zum Umgang mit den exotischen Besuchern: «Erwähnen Sie die 5000-jährige Geschichte Indiens. Ihre indischen Gäste wird es freuen.» Schön. Ich hätte da ein paar Fragen zur Kolonisation und zur Gesellschaftshierarchie. Nein, das soll ich dann doch lieber nicht erwähnen. «Vermeiden Sie kritische Äusserungen zum indischen Kastensystem», legt mir der Ratgeber sofort nahe. Gut, keine Diskussionen mehr. Eigentlich überhaupt keine Widerrede. «Vermeiden Sie ein offenes Nein und zeigen Sie Ihren Gästen Alternativen auf», setzt das Heftchen nach. Okay. Ganz schön viele Verbote für den Gastgeber. Sogar das Verbieten wird einem verboten. Aber gut. Frieden ist der Weg. Ich beziehe keine Position und bleibe friedlich und neutral. Das kann ich als Schweizer ja eigentlich schon recht gut. Ich bin bereit für dieses Gästesegment.

Finde deine Mitte

Die neue TALK-Zentrale ist ab heute in Frutigen. Warum gerade dort? Die Abkürzung «TALK» steht schliesslich für «Tourismus Adelboden-Lenk-Kandersteg», und in diesem Wort-Konglomerat sucht man den Begriff «Frutigen» eigentlich vergeblich. Das einfachste wäre doch gewesen, einfach die geografische Mitte der drei Orte zu nehmen. Ich habe mir mal eine Karte ausgedruckt und ein Lineal zur Hand genommen. Nur so viel: Das Resultat fällt buchstäblich tierisch aus.

Zieht man eine Gerade von Adelboden zur Lenk, liegt in der Mitte der Tierberg am Laveygrat. Zieht man eine Gerade von der Lenk nach Kandersteg, liegt in der Mitte das Geissmoos am Chuenisbärgli. Zieht man eine Gerade von Adelboden nach Kandersteg, liegt in der Mitte die Ochsewand hinter dem Bunderspitz. Alle diese Orte sind recht abgelegen, steil gelegen oder sonst nicht ganz einfach zugänglich. Keine Optionen für eine TALK-Zentrale.

Ich gebe nicht auf. Zweiter Versuch: Verbindet man Adelboden, Lenk und Kandersteg mit dem Lineal, erhält man logischerweise ein Dreieck. Dessen Spitze zeigt wie ein flacher Pfeil gen Nord-Nord-West. Zieht man eine Gerade in dieser Richtung, erreicht man den Otterepass bei Rinderwald. Klingt immer noch tierisch. Aber jetzt kommt der Clou: Rinderwald gehört zu Achseten, und Achseten gehört zu Frutigen. Na bitte. Geht doch.

Im Nachhinein habe ich festgestellt, dass Frutigen auch wegen seiner guten Verkehrsverbindungen, seiner Scharnierrolle in der Region oder wegen seiner breit aufgestellten Infrastruktur als Zentrale prädestiniert war. Aber das mit dem Lineal hatte auch seinen Reiz, oder?

So himmlisch ist der Äquator nicht

Ah, der Frühlingsbeginn! Alles erscheint einem so leicht und frisch. Der Krokus spriesst, der Skifahrer kurvt, der Schmetterling im Bauch gaukelt. Bis man über die Tagundnachtgleiche stolpert. Ein interessantes Wort. Aber nicht sehr leicht und frisch. Ein anderer Begriff dafür ist Äquinoktium – aber das macht die Sache eigentlich nur noch schlimmer. Jetzt sind wir nämlich bereits dort angelangt, wo die Sonne momentan den Himmelsäquator passiert. Auf ihrer scheinbaren Bahn um die Erde, der Ekliptik.

Spätestens jetzt fühlt sich der Frühling statt leicht und frisch schwer und abgestanden an. Der Jahreszeitenwechsel lädt sich zusehends mit Theorie auf. Denn eigentlich müssten wir die Tagundnachtgleiche noch relativieren. Da wir uns seitlich auf der Erdumlaufbahn bewegen, verändert sich wegen der endlichen Lichtgeschwindigkeit auch die scheinbare Position der Sonne. Ausserdem verändern die Gezeitenkräfte des Monds die Lage der Erdachse. Und überhaupt ist die Tagundnachtgleiche geozentrisch, also vom Erdmittelpunkt aus konstruiert. Dort war ich leider noch nie. Da bleibe ich doch lieber egozentrisch.

Ah, der Frühlingsbeginn! Alles spricht dafür, eine astronomische Auszeit zu nehmen und die Tagundnachtgleiche draussen zu geniessen.

Wenn Legenden auswandern

Etwas frustriert habe ich die beiden Gemeindeseiten von Steffisburg und Adelboden verglichen. Denn eines muss ich den Thun-Nachbarn lassen: Sie können sich verkaufen. Unter www.steffisburg.ch findet sich ein Gemeindeporträt, das nur so strotzt vor Stolz und Gastfreundschaft. «Unser Dorf hat immer Brücken geschlagen und schlägt sie täglich neu», heisst es da. «Sie sind gern gesehen (…). Als Persönlichkeit unter fünfzehntausend Persönlichkeiten», heisst es da. Und: «Ob für einen kurzen Aufenthalt. Für eine Weile. Für immer: Sie sind herzlich eingeladen.» Bei dieser Wortwahl erstaunt es nicht, ist Steffisburg die fünftgrösste Gemeinde des Kantons: Solche Einladungen nimmt jeder gerne an.

Und die Gemeinde Adelboden? Da muss man schon weit runterscrollen bei den Google-Treffern, bis man unter www.3715.ch fündig wird. Dort gibt es dann zwar ebenfalls ein Dorfporträt zu lesen, aber es ist eher geschichtlich-trockener Natur. Und es zeigt vor allem, warum die Einheimischen in der Vergangenheit das Tal verliessen. Von Lawinen und Erdrutschen ist die Rede, von Missernten und Tierseuchen, von beschwerlichen Wegen und «fast völliger Abgeschiedenheit» der «Waldleute». «So kam es, dass viele Adelbodner auswanderten», lautet das Verdikt

Adelboden hat momentan viermal weniger Einwohner als Steffisburg. Mit dieser Wortwahl dürfte sich daran nicht viel ändern. Im Gegenteil: Es gibt prominente Adelbodner Auswanderer, welche die Steffisburger Einladung angenommen haben. Zum Beispiel das Vogellisi, das dort mit ihrem Theater in die zweite Sommersaison gehen wird. Immerhin rührt das Mädchen dabei zünftig die Werbetrommel für ihre Heimat: Die Aufführungen in Steffisburg entführen einen ins fiktive Lohnerdorf, machen damit aber auch neugierig aufs reale. Darf Adelboden mit einer Zuzüger-Schwemme aus Steffisburg rechnen? Anfang März beginnt der Theater-Vorverkauf.

Zwiespältige Funken-Freude

Ah, der Winter, wo einen das Cheminée wärmt! Es ist schön, bei Hudelwetter auf einen wärmenden Rückhalt in der guten Stube zählen zu können. Das dachte ich vorletzte Woche, als ich nach dem Skitag die Scheite im Ferienchalet stapelte. Das dachte ich letzte Woche, als ich die neue Wohnung eines Freundes besichtigte – mit Feuerstelle natürlich. Und das dachte ich auch heute, als ich meine Finger in der Jackentasche vergrub. Doch es sind Gedanken mit Vorbehalt.

Denn es braucht auch einen Rückhalt für den Rückhalt. Wenn es für einmal zu heiss wird in der kalten Jahreszeit. Wenn der Funke etwas zu weit überspringt. Diese Rückversicherung nennt sich Feuerwehr. Und die hat viel zu tun diese Tage. Alleine 2017 rückte etwa die Feuerwehr Frutigen 96-mal aus. Und im neuen Jahr sind es bereits wieder 17 Einsätze. Sind wir denn so unvorsichtig am Cheminée?

Natürlich nicht: Die meisten dieser aktuellen Fälle sind weniger feurig. Im Januar mussten die Blaulichtler etwa wegen Sturmschäden ausrücken, wegen Erdrutsche und umgestürzter Bäume. Es gab allerdings auch bereits wieder Kaminbrände und irregeleitete Rauchmelder. In diesem Sinne bin ich zwar vorsichtig, wenn ich die Späne über der zerknüllten Zeitung schichte, aber auch beruhigt. Denn es gibt einen Rückhalt für den Rückhalt, und der hat viel Routine.