Der Stein kehrt zurück

Eigentlich wollte ich nur kurz schauen, woher der Schiefer eigentlich stammt. Ich hatte gehört, dass das Kandertaler Geschäft mit Naturstein nach der Baisse der 60er-Jahre wieder anziehe, wobei die letzte Schiefertafelfabrik in Frutigen ihr Material aber zumeist aus Italien importiere.

Nun gut, Italien ist nicht weit. Tatsächlich gibt es massig Schiefer im Piemont und in Ligurien. Schöne Gegenden, das. Nicht nur auf dem Gsürweg lässt es sich nämlich auf leicht bröckligem Untergrund wandeln. Dann habe ich den Fehler gemacht und historisch noch etwas weiter zurück geblickt. Unser schöner Schiefer entstand am Grund der Tethyssee am Penninischen Ozean. Was für Namen. Beide Wässerchen existieren längst nicht mehr und beschränken ihre Funktion mittlerweile darauf, Blogger bei der Recherche zu verwirren.

Item. Die alten Meere sind weg, aber die neue Nachfrage nach Schiefer bleibt. Was mich da immerhin passend deucht: Schiefer lagerte sich während der Kreidezeit am Meeresboden ab. Dieser Name sagt mir schon mehr zu. Vielleicht werden ja bald nebst Küchenplatten und Dächern auch wieder Schultafeln aus Schiefer gefertigt – und eine neue Kreidezeit bricht an …

Eine historische Verbindung

SRF ist für die Sendung «Schweiz aktuell – Die Alpenreise» von Kandersteg nach Frutigen gereist. Dabei ging es nicht nur um die Reise. Im Rahmen eines Wettbewerbs, der heute endete, sollten sich in den Gemeinden möglichst viele Einwohner in historischer Kleidung versammeln. Dass sich Kandersteg mit 222 Teilnehmern den ersten Platz sicherte, erstaunt nicht – schliesslich sind sich die Kandertaler mit der jährlichen Belle-Epoque-Woche historische Kostüme gewohnt. Der dritte Platz Frutigens mit immerhin 61 Verkleideten ist da schon bemerkenswerter. Hier scheint es eine ähnliche Mentalität in Sachen Geschichtsbewusstsein zu geben.

Was verbindet die beiden Orte denn historisch? Früher waren es Pferdekutschen. Es war allerdings eine nicht ganz ungefährliche Verbindung. Der Autor Mark Twain beschrieb 1878 auf seinem «Bummel durch Europa», wie sich sein Kutscher unterwegs zwischen Frutigen und Kandersteg betrank und dann recht unaufmerksam die Weiterfahrt anging: «Wie er auf seinem Hochsitz kniet, die Ellenbogen auf der Rückenlehne, und mit seligem Blick und flatterndem Haar und vergnügtem rotem Gesicht auf seine Fahrgäste herunterstrahlt!» Heute sorgen natürlich die AFA-Busse für eine sicherere Strassenverbindung. Denn die Fahrer wissen sich inzwischen besser zu beherrschen als ihre Vorgänger aus dem 19. Jahrhundert.

Was die Orte natürlich ebenfalls nach wie vor verbindet, ist die Schönheit der Landschaft, die Twain ebenfalls so trefflich beschrieb: «Ein wunderschönes, grünes, von Sennenhütten getüpfeltes Tal, ein trauliches Reich, das sich weitab von der Welt in einem abgeschlossenen Winkel verbarg (…). Hier könnte man seelenruhig sein Leben verträumen und es nicht vermissen und sich nichts daraus machen, wenn es dahin ist.» Wenn in diesem Fazit nicht schon etwas Nostalgie mitschwingt …

1001 Logiernacht

Ich lese gerade, dass Adelboden diesen Mai mehr als doppelt so viele Logiernächte zählte als im Vorjahr. Und wem verdanken wir das? Klar, in erster Linie den Schweizer Stammgästen (plus 1000 Übernachtungen). Dicht dahinter folgen aber – man staune – die Inder. Und es sollen ja noch mehr davon kommen. Die am stärksten wachsende Reisenation der Welt wird von Schweiz Tourismus nämlich weiterhin eifrig und mit freundlicher Hilfe von Bollywood beworben. Aber sind wir wirklich bereit für dieses Gästesegment?

Viele der neuen indischen Gäste arbeiten zu Hause ja im IT-Bereich. Da können wir mit dem lokalen Glasfasernetz ganz schön auftrumpfen. Inder lieben Berge und Wasser. Davon haben wir ebenfalls reichlich. Aber wie steht es mit den Social Skills? Der Gastfreundschaft? Höchste Zeit, wieder einmal die beliebte Broschüre «Inder zu Gast in der Schweiz» von HotellierieSuisse zur Hand zu nehmen. Auf dem Frontcover sieht man eine Inderin, die den kopf plakativ von einer Niki-de-Saint-Phalle-Statue im Hintergrund abwendet. Warum denn nur? Es folgt ein Ghandi-Zitat: «Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg.» Okay. Ich wusste gar nicht, dass sich der Tourismus gerade im Kriegszustand mit seinen Kunden befindet. Oder vielleicht sogar mit Niki-de-Saint-Phalle? Aber gut. Ich bleibe friedlich und lese weiter.

In der Broschüre folgen nun endlich die wertvollen Tipps zum Umgang mit den exotischen Besuchern: «Erwähnen Sie die 5000-jährige Geschichte Indiens. Ihre indischen Gäste wird es freuen.» Schön. Ich hätte da ein paar Fragen zur Kolonisation und zur Gesellschaftshierarchie. Nein, das soll ich dann doch lieber nicht erwähnen. «Vermeiden Sie kritische Äusserungen zum indischen Kastensystem», legt mir der Ratgeber sofort nahe. Gut, keine Diskussionen mehr. Eigentlich überhaupt keine Widerrede. «Vermeiden Sie ein offenes Nein und zeigen Sie Ihren Gästen Alternativen auf», setzt das Heftchen nach. Okay. Ganz schön viele Verbote für den Gastgeber. Sogar das Verbieten wird einem verboten. Aber gut. Frieden ist der Weg. Ich beziehe keine Position und bleibe friedlich und neutral. Das kann ich als Schweizer ja eigentlich schon recht gut. Ich bin bereit für dieses Gästesegment.

Finde deine Mitte

Die neue TALK-Zentrale ist ab heute in Frutigen. Warum gerade dort? Die Abkürzung «TALK» steht schliesslich für «Tourismus Adelboden-Lenk-Kandersteg», und in diesem Wort-Konglomerat sucht man den Begriff «Frutigen» eigentlich vergeblich. Das einfachste wäre doch gewesen, einfach die geografische Mitte der drei Orte zu nehmen. Ich habe mir mal eine Karte ausgedruckt und ein Lineal zur Hand genommen. Nur so viel: Das Resultat fällt buchstäblich tierisch aus.

Zieht man eine Gerade von Adelboden zur Lenk, liegt in der Mitte der Tierberg am Laveygrat. Zieht man eine Gerade von der Lenk nach Kandersteg, liegt in der Mitte das Geissmoos am Chuenisbärgli. Zieht man eine Gerade von Adelboden nach Kandersteg, liegt in der Mitte die Ochsewand hinter dem Bunderspitz. Alle diese Orte sind recht abgelegen, steil gelegen oder sonst nicht ganz einfach zugänglich. Keine Optionen für eine TALK-Zentrale.

Ich gebe nicht auf. Zweiter Versuch: Verbindet man Adelboden, Lenk und Kandersteg mit dem Lineal, erhält man logischerweise ein Dreieck. Dessen Spitze zeigt wie ein flacher Pfeil gen Nord-Nord-West. Zieht man eine Gerade in dieser Richtung, erreicht man den Otterepass bei Rinderwald. Klingt immer noch tierisch. Aber jetzt kommt der Clou: Rinderwald gehört zu Achseten, und Achseten gehört zu Frutigen. Na bitte. Geht doch.

Im Nachhinein habe ich festgestellt, dass Frutigen auch wegen seiner guten Verkehrsverbindungen, seiner Scharnierrolle in der Region oder wegen seiner breit aufgestellten Infrastruktur als Zentrale prädestiniert war. Aber das mit dem Lineal hatte auch seinen Reiz, oder?

So himmlisch ist der Äquator nicht

Ah, der Frühlingsbeginn! Alles erscheint einem so leicht und frisch. Der Krokus spriesst, der Skifahrer kurvt, der Schmetterling im Bauch gaukelt. Bis man über die Tagundnachtgleiche stolpert. Ein interessantes Wort. Aber nicht sehr leicht und frisch. Ein anderer Begriff dafür ist Äquinoktium – aber das macht die Sache eigentlich nur noch schlimmer. Jetzt sind wir nämlich bereits dort angelangt, wo die Sonne momentan den Himmelsäquator passiert. Auf ihrer scheinbaren Bahn um die Erde, der Ekliptik.

Spätestens jetzt fühlt sich der Frühling statt leicht und frisch schwer und abgestanden an. Der Jahreszeitenwechsel lädt sich zusehends mit Theorie auf. Denn eigentlich müssten wir die Tagundnachtgleiche noch relativieren. Da wir uns seitlich auf der Erdumlaufbahn bewegen, verändert sich wegen der endlichen Lichtgeschwindigkeit auch die scheinbare Position der Sonne. Ausserdem verändern die Gezeitenkräfte des Monds die Lage der Erdachse. Und überhaupt ist die Tagundnachtgleiche geozentrisch, also vom Erdmittelpunkt aus konstruiert. Dort war ich leider noch nie. Da bleibe ich doch lieber egozentrisch.

Ah, der Frühlingsbeginn! Alles spricht dafür, eine astronomische Auszeit zu nehmen und die Tagundnachtgleiche draussen zu geniessen.