Ruhen in Frieden

Dieses Bild habe ich am 22. März 2016 gemacht. Würde ich versuchen, heute und dreieinhalb Jahre später an genau derselben Stelle zu fläzen, fiele ich gefühlte zehn Meter in die Tiefe. Mein Sonnenplatz befand sich damals nämlich auf der Aussichtsplattform des Höiturms auf Silleren. Der Adelbodner Hochseilgarten wurde mittlerweile ja bekanntlich abgebaut und in Frutigen wieder neu errichtet. Die Arbeiten rund um die «Züglete» waren dabei gar nicht so ungefährlich, wie folgende Anekdote zeigt.

Ich wollte mit meiner Familie gerade eine Runde Minigolf spielen beim Frutigresort, da tastete sich meine Ferse ins Leere vor. Ich taumelte, ich ruderte mit den Armen, ich äugte nach hinten, und ich staunte: Direkt neben der Bahn klaffte ein ordentliches Loch im Rasen. Und nicht nur eines, sondern zwei, drei und mehr. Sie ahnen es sicher: Die Gastgeber waren damals gerade dabei, Platz für die Fundamente der Höiturm-Pfeiler zu schaffen. Aber mittlerweile steht der Turm ja solid vor dem Frutighuus, und ich kann wieder beruhigt rückwärts laufen.

Trotzdem machen mich diese Veränderungen rund um den Seilparcours nachdenklich. Wie werden sich Adelboden und Frutigen noch einmal dreieinhalb Jahre später präsentieren? Kann ich meine Füsse 2022 wieder – oder noch – auf der Höiturm-Plattform an dieser Stelle hochlagern? Und werde ich diesen Blogpost dann nochmal hervorkramen und erneut kommentieren? Diesbezüglich taste ich jedenfalls noch im Leeren. Das schöne aber ist dabei, dass man diese Leere mit etwas Konstruktivem füllen kann – und sei es nur mit einer guten Schippe Beton fürs Fundament.

It’s science, stupid!

Erinnern Sie sich noch an Armand Marchants Sturz am Chuenisbärgli 2017? Sah nicht schlimm aus, war es aber: Kniescheibe, Meniskus, Bänder – alles ging damals kaputt beim belgischen Riesenslalom-Ass. Es drohte das Ende seiner sportlichen Karriere.

Sieben Operationen und drei Jahre später will Marchant nun zurück in den Weltcup-Zirkus. Dass dieses Ziel realistisch ist, verdankt der Athlet auch dem Training mit einem sogenannten Exoskelett am Knie. Nein, das ist kein verspäteter Halloween-Gag. Dieses künstliche Skelett wird ans Bein geschnallt und reduziert die Belastung der Gelenke mit Stossdämpfern. Ich habe gehört, dass ein 80 Kilogramm schwerer Skifahrer sich so nur noch etwa 55 Kilo schwer fühlt.

Nun, ich selbst bin zum Glück noch nie so schwer gestürzt. Aber: Ich wiege etwa 80 Kilo (Tendenz steigend), würde mich gerne 55 Kilo leicht fühlen und am Hang unterstützen lassen. Das Exoskelett ist zudem auch in der Schweiz erhältlich. Erst war ich neugierig, nun bin ich aufmerksam: Das Ding kann man scheinbar unsichtbar unter der Hose tragen, und es hilft anscheinend auch beim Winterwandern. Wenn ihr mich demnächst also mit beängstigender Kraft den Hang rauf- und runtersausen seht, wisst ihr, was Sache ist: It’s science, stupid!

Von der Engstlige zur Wolga

«Wer das Ziel nicht kennt, wird den Weg nicht finden.» Unter diesem Motto tritt der Adelbodner Michael Schranz Ende August an den WorldSkills an. Der Anlagenelektriker der Licht- und Wasserwerk Adelboden AG wird sich im russischen Kazan mit den besten jungen Berufsleuten weltweit messen. Gerade hat sich beim Verladen der Werkzeuge allerdings gezeigt, dass der Weg zum Ziel nicht so leicht sein wird – die 9,5 Tonnen Material der Schweizer Delegation müssen auf einer rund 3500 Kilometer langen Reise durch Deutschland, Polen und Weissrussland bis in die Hauptstadt der Republik Tatarstan gefahren werden.

Auch vor Ort wird die Akklimatisation wohl nicht gerade leicht für den Oberländer: Kazan hat über eine Million Einwohner, ist wichtiges Zentrum des russischen Islams und trägt statt des Adelbodner Adlers einen geflügelten Drachen im Wappen. Zum Glück ist sich Michael Schranz vom Beruf her steten Wandel gewohnt: «Ich werde jeden Tag mit etwas Neuem konfrontiert», erklärt er im Vorstellungsvideo des Schweizer Teams. Mit dieser Einstellung wird er den Weg zu seinem Ziel schon finden – Richtung Podestplatz unter den besten Elektrikern der Welt.

Mehr Zeitreisen, bitte!

«Alls isch rationiert gsy – me het eigentlich nüt chönne choufe», erzählt Rosina Schranz mit Jahrgang 1921 von der Kriegszeit. «Im Winter isch vil meh Schnee gsy und herter als jitz. I mine erschte Schueljahr hets no niene e Pflueg gä», erinnert sich Lina Schranz mit Jahrgang 1933. Solche Adelbodner Berichte sind in zweierlei Hinsicht wertvoll:

Erstens zeigen sie, wie die ältere Generation der Engstligtaler ihre Kindheit und Jugend erlebt hat. Oft sind die weit zurückliegenden Erinnerungen ja die lebendigsten, und darum lohnt es sich, diese Geschichten auch lebendig zu halten. Nur ein Bild wie das hier von 1900 zu betrachten, scheint dagegen recht unergiebig.

Zweitens wurden die Zeitzeugen von den beiden altersgemischten Real-Klassen der Schule Adelboden befragt. Die SchülerInnen haben mit ihren Smartphones und einer App Dutzende kurze Filme mit alten Fotos arrangiert und auf der Plattform Zeitmaschine.tv aufgeladen. Das Projekt schult den Nachwuchs dabei nicht nur im Umgang mit den Medien, sondern schlägt eben auch eine Brücke zwischen den Generationen. Doc Brown und Marty McFly aus dem Kultfilm «Zurück in die Zukunft» hätten jedenfalls ihre helle Freude gehabt.

Wohlfahrt im Wald

Schön, haben sich Adelboden, Frutigen, Kandergrund, Kandersteg und Reichenbach in Sachen Schutzwälder gerade zusammengeschlossen. Denn der Forst schützt und nützt nicht nur, er hat gemäss den Gemeinden auch eine Wohlfahrtsfunktion. Wohlfahrtsfunktion des Waldes – schade, dass ich mir darunter recht wenig vorstellen kann. Dass es mir wohl ist, wenn ich durch den Forst fahre, dürfte den Kern Sache eher verfehlen. Oder verteilt da jemand Sozialhilfe unter den Tannen? Wohlfahrtsfunktion – im Waldgesetz steht dazu auch nicht viel mehr. Dort redet der Bund lieber von der «Wiederbestockung von Blössen» (Art. 23), was für mich ehrlich gesagt etwas obszön klingt.

Besser erklärt es die Bundesverfassung von 1999: Dort steht, die Wohlfahrtsfunktion des Waldes meine seine Bedeutung als Erholungsraum für die Menschen. Aha. Das stimmt natürlich. Die Waldluft tut unseren Lungen gut, das Klima ist kühl und feucht, die Atmosphäre wind-, lärm- und sonnengeschützt. Ausserdem hat man hier jede Menge Platz, um sich zu bewegen und zu entspannen.

Im Schweizerischen Zivilgesetzbuch schliesslich finde ich schliesslich noch einen Absatz, der meine Wohlfahrt im Wald noch viel besser funktionieren lässt: Das freie Betreten des Waldes und das Sammeln von Beeren seien jedem gestattet, heisst es dort. Beereni à la carte? Klingt ganz nach einem Motto für die Sommersaison. Denn Wohlgeschmack gehört sicher auch zur Wohlfahrt.