Scharfe Kurven auf dem Kreisel

Ich wollte eigentlich auf die Engstligenalp, um zu golfen. Da kann man dort ja noch bis Ende Oktober. Jedenfalls musste ich dafür natürlich bei der neuen, hölzernen Vogellisi-Figur beim Oey-Kreisel vorbei. Zweieinhalb Meter Legende mitten auf der Strasse. Da fiel mir ein Zitat aus einem Zeitungsartikel ein, den ich kürzlich gelesen hatte: «Die Figur am Dorfeingang sieht echt scharf aus», sagte der dafür Verantwortliche in der «Aargauer Zeitung». Hanspeter Vock, so heisst der in Wohlen (AG) wirkende Künstler, habe die Skulptur deshalb extra noch einige Male mit der Harley umrundet.

Das alles hat mich etwas verwirrt. Darf man Kräuterfrauen in Zeiten von #MeToo noch «scharf» nennen und mit dem Motorrad einkreisen? Nun war die Vogellisi-Geschichte schon immer zu komplex für einfache Antworten. Ich tendiere hier trotzdem zu einem vorsichtigen Ja. Immerhin hat die Regierungsrätin und Ständeratskandidatin Beatrice Simon nach der Einweihung der Figur im Sommer ebenfalls geschrieben, sie werde sich «das Ganze schon bald genau ansehen». Ob sie das später im Rahmen des Wahlkampfs tatsächlich gemacht hat und ob sie dafür ebenfalls eine Harley im Kreisverkehr verwendete, ist mir nicht bekannt.

Die Golfpartie auf der Engstligenalp hat meine Grübeleien letztlich unterbrochen. Für einen weiten Abschlag braucht man einen freien Geist. Jawohl.

In eigener Sache

Eine Tradition weiterzuführen, ist schön. So verstehe ich jeden Beitrag in diesem Blog auch als Fortsetzung der Vogellisi-Saga –  ich blogge hier schliesslich bereits seit (da staune ich selbst!) 2014. Und ich bin ja nicht der einzige, der das Erbe der Kräuterfrau seit Längerem pflegt. Anfang Juli singen ihr zu Ehren wieder zahlreiche Künstler am 11. Vogellisi-Festival, und Ende Juli findet der Vogellisi-Berglauf bereits zum 16. Mal statt. So weit, so etabliert.

Stellt sich nur die Frage, ob zu viele Köche nicht den Brei verderben. Denn die Reihen der Vogellisi-Sympathisanten werden immer breiter. Die Bergbahnen Adelboden AG etwa hat gerade die neue Marke Vogellisi-Berg lanciert und darunter alle Sommerangebote zusammengefasst (Motto: «Komm hoch und träume»). Daneben tickt der Countdown zur Eröffnung des Vogellisi-Erlebniswegs am 13. Juli – notabene organisiert von «Vogellisis 50 besten Freunden». So weit, so überbordend?

Dann aber besinne ich mich, wie ich vor 6 Jahren den Vogellisi-Blog mit folgenden Worten vorgestellt habe: «Die Legende ist in jedem Mund, weil jeder Mund die Geschichte anders erzählt. Diese Plattform soll ebenso vielfältig und vieldeutig sein wie das Lisi selbst.» Das gilt nach wie vor und auch über den Blog hinaus. In diesem Sinne beleben mehr Akteure die Saga – weil ihr jeder eine neue Deutung hinzufügt. Es lässt sich halt einfach nicht in eine Schublade stecken, das Lisi. So weit, so rätselhaft.

Das Vogellisi wird vierfach flügge

Heute kann ich für einmal in eigener Sache schreiben: Frühling und Sommer gehören sowieso ganz dem Vogellisi. Da ist erstens das kürzlich erschienene Buch «Vogel Lisi – ein Naturmärchen» von Annemarie Stähli. Da ist zweitens das zugehörige Theater, welches die Oberländer Märlibühni in Steffisburg unter freiem Himmel aufführen wird. Da ist drittens die Vogellisi-Ballade, die der Frutiger Singer-Songwriter Trummer in diesem Rahmen komponiert hat. Und da ist zu guter Letzt noch das Vogellisi-Festival, das den Juli mit Perlen wie Züri West oder Troubas Kater bereichert.

Print, Theater und Konzertbühne: 2017 wird die bekannte Sagengestalt historisch verortet, melancholisch beschworen und mit einem Grossanlass gefeiert. Unsere Blog-Galionsfigur entwickelt also gerade eine überdurchschnittliche Eigendynamik in verschiedene Richtungen. Und genau so muss es auch sein. Wie ich schon öfters betont habe: Das Vogellisi verfügt nicht über eine fixe «Corporate Identity». Es gibt keine begrenzte Anzahl Merkmale, welche sie trennscharf kennzeichnen. Autor, Musiker, Blogger: Jeder erzählt die Geschichte der Kräuterfrau auf seine Weise, und jedes Mal gewinnt die Figur gerade dadurch an Kontur.

Und wenn das jemandem zu vage bleibt, kann er gerne noch eine weitere Version dazudichten.

Frühling fürs Risotto

Ich hatte bereits nach dem letzten Post Hunger. Und nun blühen die Krokusse in Adelboden. Wussten Sie, dass diese Blümchen zur Pflanzenordnung der Spargelartigen gehören? Spargel! Und das ist noch nicht alles: Aus einer Krokus-Art wird auch der goldgelbe Safran gewonnen. Paella, Risotto!

Gut, die hiesigen Blümchen würde ich jetzt nicht mit Reis zusammen in die Pfanne hauen. Aber nur 30 Kilometer Luftlinie entfernt, in Naters, am Südhang des Lötschbergs, wird seit 600 Jahren Safran angebaut. So nah! Da stellt sich schon die Frage, ob wir das teuerste Gewürz der Welt nicht auch bei uns abbauen könnten. Für ein Kilo Safran muss man 200’000 Blüten von Hand pflücken – das würde also erst noch Arbeitsplätze in der Zwischensaison schaffen.

Alles, was es für die gelbe Pracht bräuchte, sind die richtige Höhenlage, Licht und Wasser. Die Höhe über Meer haben wir bereits. Fehlen noch Energie und Flüssigkeit zum goldenen Gewinn. Und jetzt raten, Sie mal, wie man das Licht- und Wasserwerk Adelboden auch noch nennt: «Die Gälbe». Noch Fragen? Ich bin dann mal im Krokus-Beet.

Diese Geschichte ist Käse

Warum nur sind die Engstligtaler beim Hobelkäsen so unschlagbar? (An der 16. Olma-Alpkäseprämierung holten sich Heidi und Stephan Sarbach-Aellig aus Adelboden in dieser Kategorie den ersten Rang, der zweite Platz ging an Judith und Hans Wyssen aus Frutigen.)

Die Erklärung ist ganz einfach: Lokaler Hobelkäse wird unter anderem auch vom Frutiger Unternehmen Puralpina vertrieben, das dazu auch gleich Käsehobel anbietet. Die Klingen dafür stammen von der Firma Victorinox, die ja auch das berühmte rote Sackmesser der TV-Serienfigur McGyver herstellt. MacGyver wiederum lernte bei einem Einsatz in einer frühen Episode die Schülerin Lisa Woodman in der Schweiz kennen. Woodmann wird von der Schauspielerin Mayim Bialik verkörpert, auch bekannt aus ihrer Rolle in der Serie «The Big Bang Theory». Da geht es um die Urknall-Theorie, zu der Albert Einstein ja bekanntlich wesentlich beigetragen hat. In seiner Zeit in Bern schrieb Einstein jedoch auch an seiner Dissertation mit dem wohlklingenden Namen «Eine neue Bestimmung der Moleküldimensionen». Und jetzt kommt der springende Punkt: Diese Arbeit wird auch in der Molkereikunde beigezogen, um etwa zu beschreiben, wie sich Kaseinpartikeln bei der Käsezubereitung verhalten. Logisch, hatten die Berner Sennen mit diesem knallharten theoretischen Background schon immer einen Vorsprung zur Konkurrenz.

So. Ich könnte natürlich auch einfach sagen, dass die Engstligtaler Käser ganz viel Erfahrung und Leidenschaft in ihr Milchprodukt gesteckt haben. Dass das der wahre Grund für die Alpkäseprämierung war. Aber die andere Geschichte klingt eigentlich auch ganz plausibel, oder?