Das epische Luftduell

Während ich diese Zeilen schreibe, nähert sich Chrigel Maurer gerade dem siebten Wendepunkt bei den x-Alps. Dass der Gleitschirmprofi und fünffache Titelgewinner wieder einmal vorne liegt beim legendären Hike&Fly-Rennen, überrascht nicht. Erneut ist der Pilot so zügig unterwegs Richtung Mittelmeer, dass ihm seine Supporter teils kaum folgen können. «Chrigel ist superschnell», meldet das Team. Und keiner widerspricht.

Erstaunlicher ist aber, wie stark die Franzosen dieses Jahr fliegen. Alle vier x-Alps-Teilnehmer aus dem Nachbarland sind heute Mittwoch in den Top Ten, und der Franzose Maxime Pinot klebt Chrigel Maurer seit geraumer Zeit als Zweiter im Nacken. Entsprechen schreiben die Organisatoren in ihren Newsbeiträgen: «France vs. Switzerland? Es kann nur einen Sieger geben» oder «Das epische Duell geht weiter».

Gerade hat Maurer einen Vorteil, da er derzeit über der Schweiz fliegt, wo er sich auskennt. Die letzten Etappen des Rennens verlaufen aber in Frankreich – und dort ist Maxime Pinot im Vorteil. Ein Fan hat dem Franzosen gestern sogar geschrieben: «Du bist der Adler des Tages.» Adler? Ich dachte, dieser Übername sei bereits vergeben. Aber vielleicht kann es diesmal ja mehr als einen geben …

Etappen für Könige

Die Via Alpina ist momentan ja in aller Munde. TV-Moderator Nick Hartmann hat sie in unserer Destination gerade mit Filmteam absolviert, und auch Schweiz-Tourismus-Marketingleiter André Hefti rühmt die 390 Kilometer und 20 Etappen umfassende Wanderung. Am Schweizer Ferientag in Luzern stellte er die Via Alpina als eine der drei neuen Themenrouten vor. Lauterbrunnen–Griesalp, Griesalp–Kandersteg, Kandersteg–Adelboden, Adelboden–Lenk: Natürlich sind diese Stationen auf der Tour Nr. 1 attraktive Streckenabschnitte. Ich denke an den Steinbock, der mir unter dem Hohtürli beim Aufstieg zusah, an die unwirkliche Landschaft, wenn man nach der Sefinenfurgge ins hinterste Kiental absteigt, ich denke an die Augenöffner beim Bunderspitz und beim Hahnenmoospass. Aber warum solche Wanderungen aneinander hängen? Warum gleich so weit gehen?

Die Bündner Touristikerin Jolanda Rechsteiner vermutet, dass bei einigen Gästen eine gewisse «Entscheidungsmüdigkeit» herrsche. Weil der müde Wanderer also nicht jeden Morgen neue Routen planen will, bevorzugt er mehrtägige Erlebnisse. «Zudem erlebt er Kultur und Landschaft unverfälscht aus nächster Nähe und wird selbst zum Kenner mit Erfahrung», sagt Rechsteiner im Blog von «GRHeute». Ins selbe Horn bläst die Via Alpina selbst. Die Organisation verweist auf einen Artikel des Wanders Matthieu Chambaud. Dieser nennt als weitere Gründe fürs Weitwandern, dass man sich dabei endlich einmal auf eine einzige Sache aufs Mal konzentrieren könne. Der Gast bleibe beim Gehen eben ganz in der Gegenwart, an einem neutralen Ort, der viel Raum fürs Nachdenken lasse. Schliesslich hebt Chambaud noch hervor, dass man in den Alpen keine Masken tragen muss und endlich einmal sich selbst sein kann: «On n’est personne pour les glaciers, les forêts ou les animaux.»

Doch was ist mit der Anstrengung, dem Kampf gegen die Höhenmeter, dem Wadenkrampf? Spricht das nicht gegen mehrtägige, endlose Touren? Hier zitiere ich gerne Katy Harrington, die ihre Ankunft auf der Griesalp nach einer neunstündigen Etappe folgendermassen beschreibt: «Tired and shaky I started to cry but I picked myself up, got back on track and carried on. A few hours later when I saw the tops of wooden houses in a not-too-distant valley I cried a bit more, overjoyed that my final destination was in sight.» Nach der Königsetappe der Via Alpina ist ihr die Erleichterung und der Stolz anzuhören. Wer will da noch sagen, sie sei zu weit gegangen?

Neue Debatte um alten Schnee

«Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert», stand auf der Webseite von «20 Minuten». Grund: Die Eröffnung der Snowfarming-Piste auf der Tschentenalp hatte in kürzester Zeit über 400 Kommentare generiert, sodass das Newsportal die Notbremse ziehen musste. Online hatte dort tatsächlich ein hitziger Schlagabtausch von Kritikern und Befürwortern des Adelbodner Pilotprojekts mit Altschnee der letzten Saison stattgefunden. Wer sich in die Debatte einklinkte, merkte jedoch bald, dass die Äusserungen auf der Plattform meilenweit von einer vernünftigen Diskussion entfernt waren. Viele der Kommentatoren haben die zugehörigen Artikel in den Medien offenbar gar nicht gelesen. Da wurde der übersömmerte und mittlerweile zu einer Piste verteilte Naturschnee kurzerhand eingeflogen, mit Schneekanonen produziert oder mit elektrischen Hilfsmitteln gekühlt – was alles frei erfunden ist.

Nun kann man sich tatsächlich fragen, ob die Viertelmillion Franken nicht hätte sinnvoller angelegt werden können, und ob ein weisser Streifen im Grün die richtigen Signale Richtung Flachland sendet. Umgekehrt frage ich mich aber auch, ob die «20 Minuten»-Seite bei einem Bericht über einen abgedeckten Gletscher ebenfalls kollabiert wäre – was unter dem Strich dieselbe Prozedur ist. Am wichtigsten scheint mir aber, dass neben dem «Snowfarming» auch das «Information-Farming» mehr thematisiert werden müsste. Gemäss dem Jahrbuch «Qualität der Medien» 2018 sind immer mehr Menschen News-unterversorgt bzw. wenden sich vom Qualitätsjournalismus ab. Die Tschenten-Debatte zeigt es dabei mehr als deutlich: Es braucht eine solide Basis – für Pisten wie für Diskussionen.

Meine Revanche

Favorit Christian Stucki hat sich also am Sonntag am Engstlig-Schwinget durchgesetzt. Je nun, als Pate der Globi-Bahn zum Hochplateau hatte der Seeländer sicher eine Art Heimvorteil. Die Verlierer brauchen sich indes nicht zu grämen. Einerseits ist es keine Schande, gegen einen 140-Kilo-Koloss mit 41 Kranzfest-Siegen zu unterliegen. Andererseits gibt es schon in gut einem Monat eine Gelegenheit zur Adelbodner Revanche: Beim Event «Mit Stucki in den Ring» können sogar Anfänger den Hünen auf der Engstligenalp fordern.

Gut, bis zum Showdown vom 16. September dauert es noch ein Weilchen. Genug Zeit, um sich zu überlegen, ob man wirklich gegen den 198-cm-Mann in den Ring steigen will. Auf den ersten Blick klingt diese Affiche nicht nach sehr viel Spass. Allerdings gibt es auch ein paar schmeichelhafte Nebeneffekte: So heisst es ja erstens, dass im ersten Gang des Anschwingens die jeweils besten Kämpen gegeneinander eingeteilt werden. Und das bedeutet, dass sich jeder Laienschwinger Stucki ebenbürtig fühlen darf – zumindest in den ersten 2 Sekunden des Kampfs.

Zweitens werden die Schwinger ja öfters als «Böse» bezeichnet. Der liebevoll gemeinte Begriff schmeichelt den Teilnehmern und nimmt einem gleichzeitig das Lampenfieber – denn «böse» und «Stucki» lässt sich nur schmunzelnd im selben Satz verwenden. Und drittens tut es ja immer gut, wenn einem jemand auf die Schulter klopft – und sei es nur, um das Sägemehl zu entfernen. Na denn: Ring frei!

Gute Chancen für einen Biss

Der Aal ist zwar Fisch des Jahres, aber nicht in Adelboden. Die kalten und strömungsstarken Gewässer machen es dem schleimigen Gesellen nämlich nicht gerade einfach. Dafür haben wir Forellen und die zugehörigen Fischer en masse. Gut, die Letzteren haben es sich einfach gemacht und sich für die Jahresversammlung des Schweizerischen Fischerei-Verbands dort getroffen, wo ihnen ihr Fang garantiert nicht wegschwimmen kann: Bei den Zuchtbecken des Frutiger Tropenhauses.

Wer kann es den Damen und Herren in wasserdichter Hose verdenken? Ich habe mich bei meinen kläglichen Versuchen als Fliegen-Fischer auch öfters gewünscht, meine Angel wieder an einem Zuchtteich auswerfen zu können. Dort, wo die Fische im Minutentakt anbeissen. Dort, wo das Abendessen für die ganze Sippe gesichert ist. Aber irgendwie liess es mein Stolz dann eben doch nicht zu. Und ich blieb in der Natur, und ich haderte weiter mit verknoteten, verhedderten Schnüren und abgerissenen Haken. Na ja, tempi passati.

Item, die Teilnehmer der Fischerei-Jahresversammlung tunkten ihre Ruten sicher nicht in die Zucht-Tanks des Tropenhauses. Ich nehme an, sie knabberten an den obligaten Stör-Knusperli zum Apéro. Und ausserdem konnten sie sich dort trefflich über die Ausstellung rund um bedrohte Fischarten austauschen, welche sie kürzlich aufgebaut hatten. Es ist schon interessant, dass sich genau diejenigen für die Wassertiere einsetzen, die Letztere danach auch wieder aus dem kühlen Nass herausziehen wollen. Aber was weiss ich schon – bei mir beisst ja eh keiner an.