It’s science, stupid!

Erinnern Sie sich noch an Armand Marchants Sturz am Chuenisbärgli 2017? Sah nicht schlimm aus, war es aber: Kniescheibe, Meniskus, Bänder – alles ging damals kaputt beim belgischen Riesenslalom-Ass. Es drohte das Ende seiner sportlichen Karriere.

Sieben Operationen und drei Jahre später will Marchant nun zurück in den Weltcup-Zirkus. Dass dieses Ziel realistisch ist, verdankt der Athlet auch dem Training mit einem sogenannten Exoskelett am Knie. Nein, das ist kein verspäteter Halloween-Gag. Dieses künstliche Skelett wird ans Bein geschnallt und reduziert die Belastung der Gelenke mit Stossdämpfern. Ich habe gehört, dass ein 80 Kilogramm schwerer Skifahrer sich so nur noch etwa 55 Kilo schwer fühlt.

Nun, ich selbst bin zum Glück noch nie so schwer gestürzt. Aber: Ich wiege etwa 80 Kilo (Tendenz steigend), würde mich gerne 55 Kilo leicht fühlen und am Hang unterstützen lassen. Das Exoskelett ist zudem auch in der Schweiz erhältlich. Erst war ich neugierig, nun bin ich aufmerksam: Das Ding kann man scheinbar unsichtbar unter der Hose tragen, und es hilft anscheinend auch beim Winterwandern. Wenn ihr mich demnächst also mit beängstigender Kraft den Hang rauf- und runtersausen seht, wisst ihr, was Sache ist: It’s science, stupid!

Ein Countdown zum Schaukeln

Ich habe es wieder einmal verschwitzt. Schon vor Wochen wollte ich über die Giant Swing, die Riesenschaukel auf der Tschentenalp, schreiben. Damals präsentierte sich der Himmel zwar eher verhangen, doch es hatte mich trotzdem hoch zur Anlage gezogen. Beim Schwingen im dichten Nebel stellte ich dann fest, dass das alpine Erlebnis nicht nur von der Höhenlage beflügelt wird, sondern auch von der speziellen Aufhängung: Die fünf Meter langen Seile sind schliesslich am Drahtseil des Skilifts befestigt. Das sorgt für eine Art Federung, die dem Schaukeln noch einmal eine zusätzliche Komponente verleiht.

Item, in der anschliessenden Spätsommer-Phase hatte ich anderes zu tun als zu bloggen. Und nun, da ich endlich meinen Post verfasse, blicke ich vom Bürofenster aus auf den abgedeckten Schneehaufen unter der Tschentenalp. Im Rahmen des Projekts Snowfarming wird daraus bald wieder eine herbstliche Trainingspiste erstellt. Dann läuft der Skilift für die ersten Sportler an – und die Giant Swing muss ihnen wohl bis zum Frühling 2020 weichen. Wer also noch in den Genuss des Sitzes mit Federung kommen will, sollte bis zum 20. Oktober die Gondel nehmen. Ich sehe da noch einige Sonnentage kommen – aber mit Nebel klappt es ja auch prima.

Das epische Luftduell

Während ich diese Zeilen schreibe, nähert sich Chrigel Maurer gerade dem siebten Wendepunkt bei den x-Alps. Dass der Gleitschirmprofi und fünffache Titelgewinner wieder einmal vorne liegt beim legendären Hike&Fly-Rennen, überrascht nicht. Erneut ist der Pilot so zügig unterwegs Richtung Mittelmeer, dass ihm seine Supporter teils kaum folgen können. «Chrigel ist superschnell», meldet das Team. Und keiner widerspricht.

Erstaunlicher ist aber, wie stark die Franzosen dieses Jahr fliegen. Alle vier x-Alps-Teilnehmer aus dem Nachbarland sind heute Mittwoch in den Top Ten, und der Franzose Maxime Pinot klebt Chrigel Maurer seit geraumer Zeit als Zweiter im Nacken. Entsprechen schreiben die Organisatoren in ihren Newsbeiträgen: «France vs. Switzerland? Es kann nur einen Sieger geben» oder «Das epische Duell geht weiter».

Gerade hat Maurer einen Vorteil, da er derzeit über der Schweiz fliegt, wo er sich auskennt. Die letzten Etappen des Rennens verlaufen aber in Frankreich – und dort ist Maxime Pinot im Vorteil. Ein Fan hat dem Franzosen gestern sogar geschrieben: «Du bist der Adler des Tages.» Adler? Ich dachte, dieser Übername sei bereits vergeben. Aber vielleicht kann es diesmal ja mehr als einen geben …

Etappen für Könige

Die Via Alpina ist momentan ja in aller Munde. TV-Moderator Nick Hartmann hat sie in unserer Destination gerade mit Filmteam absolviert, und auch Schweiz-Tourismus-Marketingleiter André Hefti rühmt die 390 Kilometer und 20 Etappen umfassende Wanderung. Am Schweizer Ferientag in Luzern stellte er die Via Alpina als eine der drei neuen Themenrouten vor. Lauterbrunnen–Griesalp, Griesalp–Kandersteg, Kandersteg–Adelboden, Adelboden–Lenk: Natürlich sind diese Stationen auf der Tour Nr. 1 attraktive Streckenabschnitte. Ich denke an den Steinbock, der mir unter dem Hohtürli beim Aufstieg zusah, an die unwirkliche Landschaft, wenn man nach der Sefinenfurgge ins hinterste Kiental absteigt, ich denke an die Augenöffner beim Bunderspitz und beim Hahnenmoospass. Aber warum solche Wanderungen aneinander hängen? Warum gleich so weit gehen?

Die Bündner Touristikerin Jolanda Rechsteiner vermutet, dass bei einigen Gästen eine gewisse «Entscheidungsmüdigkeit» herrsche. Weil der müde Wanderer also nicht jeden Morgen neue Routen planen will, bevorzugt er mehrtägige Erlebnisse. «Zudem erlebt er Kultur und Landschaft unverfälscht aus nächster Nähe und wird selbst zum Kenner mit Erfahrung», sagt Rechsteiner im Blog von «GRHeute». Ins selbe Horn bläst die Via Alpina selbst. Die Organisation verweist auf einen Artikel des Wanders Matthieu Chambaud. Dieser nennt als weitere Gründe fürs Weitwandern, dass man sich dabei endlich einmal auf eine einzige Sache aufs Mal konzentrieren könne. Der Gast bleibe beim Gehen eben ganz in der Gegenwart, an einem neutralen Ort, der viel Raum fürs Nachdenken lasse. Schliesslich hebt Chambaud noch hervor, dass man in den Alpen keine Masken tragen muss und endlich einmal sich selbst sein kann: «On n’est personne pour les glaciers, les forêts ou les animaux.»

Doch was ist mit der Anstrengung, dem Kampf gegen die Höhenmeter, dem Wadenkrampf? Spricht das nicht gegen mehrtägige, endlose Touren? Hier zitiere ich gerne Katy Harrington, die ihre Ankunft auf der Griesalp nach einer neunstündigen Etappe folgendermassen beschreibt: «Tired and shaky I started to cry but I picked myself up, got back on track and carried on. A few hours later when I saw the tops of wooden houses in a not-too-distant valley I cried a bit more, overjoyed that my final destination was in sight.» Nach der Königsetappe der Via Alpina ist ihr die Erleichterung und der Stolz anzuhören. Wer will da noch sagen, sie sei zu weit gegangen?

Neue Debatte um alten Schnee

«Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert», stand auf der Webseite von «20 Minuten». Grund: Die Eröffnung der Snowfarming-Piste auf der Tschentenalp hatte in kürzester Zeit über 400 Kommentare generiert, sodass das Newsportal die Notbremse ziehen musste. Online hatte dort tatsächlich ein hitziger Schlagabtausch von Kritikern und Befürwortern des Adelbodner Pilotprojekts mit Altschnee der letzten Saison stattgefunden. Wer sich in die Debatte einklinkte, merkte jedoch bald, dass die Äusserungen auf der Plattform meilenweit von einer vernünftigen Diskussion entfernt waren. Viele der Kommentatoren haben die zugehörigen Artikel in den Medien offenbar gar nicht gelesen. Da wurde der übersömmerte und mittlerweile zu einer Piste verteilte Naturschnee kurzerhand eingeflogen, mit Schneekanonen produziert oder mit elektrischen Hilfsmitteln gekühlt – was alles frei erfunden ist.

Nun kann man sich tatsächlich fragen, ob die Viertelmillion Franken nicht hätte sinnvoller angelegt werden können, und ob ein weisser Streifen im Grün die richtigen Signale Richtung Flachland sendet. Umgekehrt frage ich mich aber auch, ob die «20 Minuten»-Seite bei einem Bericht über einen abgedeckten Gletscher ebenfalls kollabiert wäre – was unter dem Strich dieselbe Prozedur ist. Am wichtigsten scheint mir aber, dass neben dem «Snowfarming» auch das «Information-Farming» mehr thematisiert werden müsste. Gemäss dem Jahrbuch «Qualität der Medien» 2018 sind immer mehr Menschen News-unterversorgt bzw. wenden sich vom Qualitätsjournalismus ab. Die Tschenten-Debatte zeigt es dabei mehr als deutlich: Es braucht eine solide Basis – für Pisten wie für Diskussionen.