Elektrisierende Erlebnisse

Eine Hass-Liebe verbindet mich mit dem guten alten Viehhüter. Marschiere ich an einem vorbei, kann ich es nicht lassen, kurz die Spannung am Elektrozaun zu prüfen. Natürlich halte ich dafür nicht direkt meine Hand darauf, sondern einen trockenen Gras- oder Strohhalm. So lässt sich der Stromschlag deutlich abschwächen.

Das geht auch anders. Als Kind zog ich den Draht eines Viehhüters einmal clever bis zu unserer Haustüre weiter, um ungebetene Gäste abzuschrecken (ein batteriebetriebenes Gerät kann bis zu 25 km Weideumfang unter Spannung setzen). Die Opfer meines Streichs liessen allerdings auf sich warten. Stattdessen suchte der Bauer stundenlang dem plötzlich defekten Zaun entlang nach der Fehlerquelle – bis er meine innovative Abzweigung entdeckte. Der Landwirt war gar nicht erfreut und wütete dafür mit der Sense im Kräutergarten meiner Mutter. Eigentlich auch etwas kindisch.

Item, der Viehhüter liess mich auch in der Folge nicht los. Beim Unterqueren versetzte er mir mehrfach schmerzhafte Stromschläge in den Rücken. Dafür war ich wiederum dankbar, als ich später einmal wegen einer Kuh in vollem Galopp hinter ihn flüchten konnte. Was mich gleich zum Fazit meines Tagebuch-Eintrags bringt: Es gibt viel Hochspannendes und Schützenswertes im Oberland. Die Frage, wer vor wem geschützt werden sollte und wo der Zaun vielleicht besser defekt bliebe, beantworte ich dann ein anderes Mal.

Viel Raum für Neues

Letzte Woche wanderte ich von Adelboden aus via Bunderspitz nach Kandersteg. Kurz vor dem Gipfel drehte ich allerdings um und nahm eine Abkürzung ins Kandertal, weil meine Füsse schmerzten und meine Kondition nachliess. Ein letzter Blick ab dem Grat zeigte mir noch einmal den grossen Lohner zur Rechten und das kleine Dorf am Talgrund. Die groben Fixpunkte waren einfach auszumachen: Ganz links leuchtete das Türkis des Gruebibads, oben thronte der weisse Würfel des «Bellevue», in der Mitte rechts erhoben sich die grauen Wellen des Sportzentrums. Ebenfalls in der Mitte, braun und riesig – das Erdreich des frisch planierten Nevada-Areals.

Ja, nicht nur mein Aufstieg zum Bonderspitz musste definitiv abgebrochen werden, sondern nun auch der Bau des Alpenbads. Und da wurde mir klar, dass es noch mehr Parallelen zwischen meiner Reise und diesem Riesenprojekt gab: Man muss erstens genügend Distanz gewinnen, um die ganzen Ausmasse einer Situation zu verstehen. Es braucht zweitens Mut, Ehrlichkeit und Reife, um trotz vieler Opfer zur rechten Zeit von einem Ziel abzulassen. Und drittens heisst ein Ziel verfehlen immer auch, bereits ein neues anzupeilen. Mit wertvollen Erfahrungen im Gepäck.

Ich gelangte ohne Zwischenfälle nach Kandersteg, wo mich ein kühles Getränk erwartete. Und eine Panoramakarte am Bahnhof, wo ich schon den nächsten Wanderausflug plante. Es gibt noch viel Platz für erfolgreiche Abenteuer. Auch auf dem Nevada-Areal.

Zukunft in jeder Zelle

Kaum kommt die Sommersonne raus, verlässt meine Nachbarin ihre Dachwohnung und flüchtet runter an den Pool. Von Juni bis September wohnt sie also eigentlich draussen, denn oben unter dem Giebel ist es einfach unerträglich heiss und stickig. Daraus kann ich nun zwei Schlussfolgerungen ziehen: Erstens sollte man unser Dach wohl besser isolieren. Und zweitens ist es eigentlich schade, all die Wärme draussen auf den Ziegeln ungenutzt verpuffen zu lassen. Warum keine Solarzellen installieren?

Und das gilt nicht nur für meinen Block. In Adelboden gibt es laut einer Studie der Licht und Wasserwerke mehrere hundert Dächer, die sich hervorragend für Photovoltaik-Anlagen eignen würden. Niedrigere Energiekosten, Überschüsse zum Verkaufen, weder Lärm noch Emissionen – die Vorteile von Sonnenstrom liegen auf der Hand. Nehmen wir die Daten von bestehenden Anlagen: Während ich dies schreibe, sparen die Solarzellen auf Sillerenbühl alleine heute 81 Kilo Co2 ein. Das entspricht 542 gefahrenen Autokilometern oder 2 gepflanzten Bäumen. Die Solaranlage auf dem Fuhrenweidli hat heute sogar 108 Kilo Co2 gespart. 723 Autokilometer oder 3 gepflanzte Bäume.

Also wieder rauf aufs Dach. Wer unten liegenbleibt, holt sich eh nur einen Sonnenbrand am Pool.

Politik fürs Euter

Mein untrainierter Bizeps schmerzt. Ich helfe nämlich gerade diversen Freunden fleissig beim Zügeln. Auch die Kühe ziehen bald wieder auf die Alpen rund um Adelboden. Die schmerzt dabei aber weniger der Bizeps als der tiefe Milchpreis. Dabei gibt es gute Gründe für die lokale Produktion des weissen Goldes: Die Schweiz ist ein Grasland, Viehhaltung hat eine lange Tradition. Dank den Wiederkäuern konnten die Randregionen bewirtschaftet werden, sie sorgten massgeblich für Magerwiesen, Artenvielfalt und fruchtbare Flächen im Tal.

Auf die 3500 Einwohner des Lohnerdorfs kommen 3000 Kühe – das zeigt, welchen emotionalen Wert die Tiere für die Bevölkerung haben. Die Gäste wiederum werden auf ihren Wanderungen mit einem «Heidi-Feeling» belohnt, das sie sich nicht mit einem Schluck aus dem importierten Tetra-Pak verderben sollten. Die Engstligtaler Kühe gehören nicht nur zur Biodiversität, sie sind auch deren Bedingung und die Alpenmilch ihr Resultat. Und dieses wiederum sollte auch seinen Preis haben dürfen.

Item. Die öffentliche Milchdebatte läuft. Wer den grossen Auftritt scheut, kann das heikle Thema ja auf seiner nächsten Bergwanderung gerne mit dem Sennen seiner Wahl unter vier Augen besprechen. Ich bin sicher, der serviert einem dabei gerne ein Glas direkt vom Euter.

Dr Vogellisi Chopf vam Manet

Neu! Neu! Neu!

 

Schon bald ist es soweit…

…und es startet unsere neue Rubrik „Dr Vogellisi Chopf vam Manet“, in der wir monatlich ein Gesicht aus Adelboden vorstellen. Egal ab aus Sport oder Kunst, egal ob Mann oder Frau, ob bereits bekannt oder (noch) unbekannt, ob einheimisch oder Gast, ob alt oder jung – das Vogellisi macht sich auf die Suche nach inspirierenden Persönlichkeiten, spannenden Geschichten und witzigen Anekdoten…