Gestatten, digitaler Alpnomade

Eigentlich dachte ich, mein kleines Home-Office-Pensum sei äusserst modern. Doch nun lese ich, dass die Anzahl öffentlicher Gemeinschaftsbüros in der Schweiz in den letzten vier Jahren von unter 50 auf 180 gestiegen ist. Gleichzeitig hat sich die Anzahl Coworker in diesen Coworking-Spaces von unter 2000 auf etwa 10000 erhöht. Auch an Adelbodens Dorfstrasse wurde ein entsprechendes Pop-up-Angebot eröffnet (kein Wunder bei dem schnellen WLAN). Muss ich den Computer im eigenen Schlafzimmer also wieder einpacken?

Nun ja, für manchen ist Pendeln wirklich Arbeitszeitvergeudung. Und Heimarbeit eignet sich tatsächlich nicht für alle. Ausserdem ist es sicher zeitgemäss, die mietbaren Arbeitsplätze nicht nur in Zentren, sondern auch in den Randregionen anzusiedeln. Wenn Digitalisierung ortsunabhängig macht, warum sollten Städte noch eine Sonderstellung im Arbeitsmarkt geniessen? Im Gegenteil, da eine inspirierende Arbeitsumgebung immer wichtiger wird, sind die Berggebiete eigentlich im Vorteil. Hier oben fallen einem Weitblick und Höheflüge nämlich buchstäblich in den Schoss, und das wird sich auch in den Resultaten spiegeln.

Gut. Ich schreibe das jetzt noch fertig in meinem Schlafzimmer. Denn auch Schlaf macht kreativ. Aber wer weiss, vielleicht trinke ich den nächsten Pausenkaffe ja bereits als digitaler Alpnomade.

Kein Schlaf in Frutigen

Da war man nur einen kurzen Moment vom Blog-Geschäft abgelenkt (es ging um Murmeltiere, fragen Sie nicht nach Details), und schon hat sich die Schneegrenze also zu meinem Büro hinunter bequemt. Woraus erstens folgt, die Heizung aufzudrehen, und zweitens, wegen der Hitze ganz schläfrig zu werden. Ach ja, die Murmeltiere und ihr Winterschlaf, sie bleiben mir weiterhin treu.

Blicke ich zu den Pisten hinauf, kann ich die bis 70 Meter langen Bauten der knuffigen Nager unter der weissen Decke erahnen. Friedlich stelle ich mir es vor, das sechs Monate lange Nickerchen, während das angefressene Körperfett langsam vor sich hinschmilzt. Wobei mir nicht ganz einleuchtet, wie sich die Tiere den prallen Winterbauch einzig mit einer Diät aus Gräsern und Kräuter, Samen und Insekten anfressen konnten. Je nun.

Senke ich den Blick von den Pisten nach Frutigen hinunter, bleiben die Murmeltiere trotzdem im Fokus. Da hat das Frutigresort nämlich gerade die Eröffnung des Restaurants Bemato verkündet, und was steht im Kleingedruckten am Schluss? Dass die zweite Bauetappe nun der Fertigstellung des Murmeli-Erlebnisspielplatzes gewidmet ist. 60 Meter Tunnelsystem wurden schon erstellt – das klingt doch wie bei den alpinen Vorbildern.

Ganze Schiffscontainer hat man zudem beim Frutigresort für unterirdische Spielräume vergraben. Bei diesen Dimensionen können die Tunnelbewohner punkto Winterfett noch einiges zulegen. Und dafür braucht es keine kargen Gräser und Samen von der Weide: Das «Bemato» bietet schliesslich Mittagsmenus unter dem Motto «all you can eat and drink» an. Da müssen die modernen Murmeltiere ihre Nachtruhe wohl noch etwas aufschieben …

Ein grosses Revier

Irgendwie hat sie es eilig, die Revier-Hotelgruppe. Nachdem das Unternehmen Ende 2017 die Revier Mountain Lodge in der Lenzerheide eröffnet hatte, wurde auch in Adelboden ein entsprechendes Projekt vorangetrieben: An der Dorfstrasse soll auf der «Alpenrose»-Liegenschaft bekanntlich das zweite Schweizer Revier-Hotel entstehen. Und nun lese ich gerade, dass im arabischen Emirat Dubai der Bau des «Revier Dubai Business Bay» voranschreitet. Noch ein Hotel also.

Adelboden und Dubai – dass die junge Hotel-Kette gerade auf diese beiden scheinbar so unterschiedlichen Orte setzt, hat sicher seine Logik. Tatsächlich weisen das Engstligtaler Chaletdorf und die arabische Millionenstadt viele Gemeinsamkeiten auf:

  • beide beweisen einen Hang zur Höhe: Dubai hat mit dem Burj Khalifa einen Wolkenkratzer der Superlative. Mit seinen gut 800 Metern sieht dieser neben dem Lohner (3049 m ü. M.) allerdings eher zierlich aus.
  • beide ziehen massenhaft Gäste an: Das gilt in Adelboden für den rekordverdächtigen Sommerbetrieb 2018 wie für den Januar, wo jeweils Zehntausende zum Weltcup pilgern. Dubai wiederum hat jährlich um die 15 Millionen Besucher …
  • beide lieben den Schneesport: Dubai verfügt über eine Skihalle mit fünf Abfahrten, die grösste davon ist 400 Meter lang. Gegen die 210 Pistenkilometer von Adelboden-Lenk sieht der grösste Indoor-Snowpark der Welt jedoch immer noch klein aus.
  • Muss ich noch erwähnen, dass beide Orte einen Greifvogel im Wappen haben, und dass die Reviergruppe in Dubai moderne Working Spaces plant, ähnlich dem Mountain Hub Adelbodens?

Die Liste der Gemeinsamkeiten liesse sich wohl endlos weiterführen. Vielleicht eines noch: beide Orte ziehen sich gegenseitig touristisch an. So kommen jährlich mehr arabische Reisende ins Oberland. Umgekehrt besuchen vor allem Schweizer Politiker die arabische Halbinsel. Bei Letzteren darf man sich zwar getrost fragen, ob das wirklich noch ihr Revier sein sollte. Aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr …

Eine historische Verbindung

SRF ist für die Sendung «Schweiz aktuell – Die Alpenreise» von Kandersteg nach Frutigen gereist. Dabei ging es nicht nur um die Reise. Im Rahmen eines Wettbewerbs, der heute endete, sollten sich in den Gemeinden möglichst viele Einwohner in historischer Kleidung versammeln. Dass sich Kandersteg mit 222 Teilnehmern den ersten Platz sicherte, erstaunt nicht – schliesslich sind sich die Kandertaler mit der jährlichen Belle-Epoque-Woche historische Kostüme gewohnt. Der dritte Platz Frutigens mit immerhin 61 Verkleideten ist da schon bemerkenswerter. Hier scheint es eine ähnliche Mentalität in Sachen Geschichtsbewusstsein zu geben.

Was verbindet die beiden Orte denn historisch? Früher waren es Pferdekutschen. Es war allerdings eine nicht ganz ungefährliche Verbindung. Der Autor Mark Twain beschrieb 1878 auf seinem «Bummel durch Europa», wie sich sein Kutscher unterwegs zwischen Frutigen und Kandersteg betrank und dann recht unaufmerksam die Weiterfahrt anging: «Wie er auf seinem Hochsitz kniet, die Ellenbogen auf der Rückenlehne, und mit seligem Blick und flatterndem Haar und vergnügtem rotem Gesicht auf seine Fahrgäste herunterstrahlt!» Heute sorgen natürlich die AFA-Busse für eine sicherere Strassenverbindung. Denn die Fahrer wissen sich inzwischen besser zu beherrschen als ihre Vorgänger aus dem 19. Jahrhundert.

Was die Orte natürlich ebenfalls nach wie vor verbindet, ist die Schönheit der Landschaft, die Twain ebenfalls so trefflich beschrieb: «Ein wunderschönes, grünes, von Sennenhütten getüpfeltes Tal, ein trauliches Reich, das sich weitab von der Welt in einem abgeschlossenen Winkel verbarg (…). Hier könnte man seelenruhig sein Leben verträumen und es nicht vermissen und sich nichts daraus machen, wenn es dahin ist.» Wenn in diesem Fazit nicht schon etwas Nostalgie mitschwingt …

1001 Logiernacht

Ich lese gerade, dass Adelboden diesen Mai mehr als doppelt so viele Logiernächte zählte als im Vorjahr. Und wem verdanken wir das? Klar, in erster Linie den Schweizer Stammgästen (plus 1000 Übernachtungen). Dicht dahinter folgen aber – man staune – die Inder. Und es sollen ja noch mehr davon kommen. Die am stärksten wachsende Reisenation der Welt wird von Schweiz Tourismus nämlich weiterhin eifrig und mit freundlicher Hilfe von Bollywood beworben. Aber sind wir wirklich bereit für dieses Gästesegment?

Viele der neuen indischen Gäste arbeiten zu Hause ja im IT-Bereich. Da können wir mit dem lokalen Glasfasernetz ganz schön auftrumpfen. Inder lieben Berge und Wasser. Davon haben wir ebenfalls reichlich. Aber wie steht es mit den Social Skills? Der Gastfreundschaft? Höchste Zeit, wieder einmal die beliebte Broschüre «Inder zu Gast in der Schweiz» von HotellierieSuisse zur Hand zu nehmen. Auf dem Frontcover sieht man eine Inderin, die den kopf plakativ von einer Niki-de-Saint-Phalle-Statue im Hintergrund abwendet. Warum denn nur? Es folgt ein Ghandi-Zitat: «Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg.» Okay. Ich wusste gar nicht, dass sich der Tourismus gerade im Kriegszustand mit seinen Kunden befindet. Oder vielleicht sogar mit Niki-de-Saint-Phalle? Aber gut. Ich bleibe friedlich und lese weiter.

In der Broschüre folgen nun endlich die wertvollen Tipps zum Umgang mit den exotischen Besuchern: «Erwähnen Sie die 5000-jährige Geschichte Indiens. Ihre indischen Gäste wird es freuen.» Schön. Ich hätte da ein paar Fragen zur Kolonisation und zur Gesellschaftshierarchie. Nein, das soll ich dann doch lieber nicht erwähnen. «Vermeiden Sie kritische Äusserungen zum indischen Kastensystem», legt mir der Ratgeber sofort nahe. Gut, keine Diskussionen mehr. Eigentlich überhaupt keine Widerrede. «Vermeiden Sie ein offenes Nein und zeigen Sie Ihren Gästen Alternativen auf», setzt das Heftchen nach. Okay. Ganz schön viele Verbote für den Gastgeber. Sogar das Verbieten wird einem verboten. Aber gut. Frieden ist der Weg. Ich beziehe keine Position und bleibe friedlich und neutral. Das kann ich als Schweizer ja eigentlich schon recht gut. Ich bin bereit für dieses Gästesegment.