Ein Countdown zum Schaukeln

Ich habe es wieder einmal verschwitzt. Schon vor Wochen wollte ich über die Giant Swing, die Riesenschaukel auf der Tschentenalp, schreiben. Damals präsentierte sich der Himmel zwar eher verhangen, doch es hatte mich trotzdem hoch zur Anlage gezogen. Beim Schwingen im dichten Nebel stellte ich dann fest, dass das alpine Erlebnis nicht nur von der Höhenlage beflügelt wird, sondern auch von der speziellen Aufhängung: Die fünf Meter langen Seile sind schliesslich am Drahtseil des Skilifts befestigt. Das sorgt für eine Art Federung, die dem Schaukeln noch einmal eine zusätzliche Komponente verleiht.

Item, in der anschliessenden Spätsommer-Phase hatte ich anderes zu tun als zu bloggen. Und nun, da ich endlich meinen Post verfasse, blicke ich vom Bürofenster aus auf den abgedeckten Schneehaufen unter der Tschentenalp. Im Rahmen des Projekts Snowfarming wird daraus bald wieder eine herbstliche Trainingspiste erstellt. Dann läuft der Skilift für die ersten Sportler an – und die Giant Swing muss ihnen wohl bis zum Frühling 2020 weichen. Wer also noch in den Genuss des Sitzes mit Federung kommen will, sollte bis zum 20. Oktober die Gondel nehmen. Ich sehe da noch einige Sonnentage kommen – aber mit Nebel klappt es ja auch prima.

Gegen die beständige Unbeständigkeit

Am Freitag sprossen in Adelboden fleissig die Krokusse, am Sonntag lag das Dorf unter einer Schneeschicht, und heute ist wieder Grün angesagt. «Beständig unbeständig» lautete das Wetter-Motto eines abtretenden Aprils, der 2019 wirklich machte, was er wollte. Und dann macht der Mai witterungstechnisch nochmals alles neu – am Wochenende sollen wieder die Flocken fallen. Wenigstens hat die Engstligenalp da die Lifte noch in Betrieb.

In diesem Wechselbad der Frühlingsgefühle bin ich manchmal froh, gibt es noch unerschütterliche Fixpunkte in der Engstligtaler Landschaft. Und ich rede jetzt nicht vom Tschingellochtighorn oder vom Busfahrplan. Nein, es sind die kleinen Veranstaltungen, die einem in der Adelbodner Agenda mit schöner Regelmässigkeit immer wieder über den Weg laufen und die für Konstanz sorgen. Da ist die Yogastunde, dort das Schwimmen für Frühaufsteher. Da ist das Kinderballett, dort ist das Zmorge in der Bäckerei. Kritische Geister mögen nun monieren, dass solche Angebote gar nicht in einen Eventkalender gehören. Das seien ja keine richtigen Veranstaltungen, sondern nur schnöde Aktivitäten.

Ich aber entgegne: Wenn ein Event darin besteht, zusammen Freude zu erleben, wenn es dabei darum geht, in der Gruppe der Unbeständigkeit der Welt zu trotzen, dann ist das gemeinsame Zmorge allemal ein Event. Dann ist es egal, was April und Mai gerade machen. Dann hat das Leben für kurze Zeit einfach Bestand. En Guete.

Gestatten, digitaler Alpnomade

Eigentlich dachte ich, mein kleines Home-Office-Pensum sei äusserst modern. Doch nun lese ich, dass die Anzahl öffentlicher Gemeinschaftsbüros in der Schweiz in den letzten vier Jahren von unter 50 auf 180 gestiegen ist. Gleichzeitig hat sich die Anzahl Coworker in diesen Coworking-Spaces von unter 2000 auf etwa 10000 erhöht. Auch an Adelbodens Dorfstrasse wurde ein entsprechendes Pop-up-Angebot eröffnet (kein Wunder bei dem schnellen WLAN). Muss ich den Computer im eigenen Schlafzimmer also wieder einpacken?

Nun ja, für manchen ist Pendeln wirklich Arbeitszeitvergeudung. Und Heimarbeit eignet sich tatsächlich nicht für alle. Ausserdem ist es sicher zeitgemäss, die mietbaren Arbeitsplätze nicht nur in Zentren, sondern auch in den Randregionen anzusiedeln. Wenn Digitalisierung ortsunabhängig macht, warum sollten Städte noch eine Sonderstellung im Arbeitsmarkt geniessen? Im Gegenteil, da eine inspirierende Arbeitsumgebung immer wichtiger wird, sind die Berggebiete eigentlich im Vorteil. Hier oben fallen einem Weitblick und Höheflüge nämlich buchstäblich in den Schoss, und das wird sich auch in den Resultaten spiegeln.

Gut. Ich schreibe das jetzt noch fertig in meinem Schlafzimmer. Denn auch Schlaf macht kreativ. Aber wer weiss, vielleicht trinke ich den nächsten Pausenkaffe ja bereits als digitaler Alpnomade.

Pelzige Einkaufsbegleiter

Plezig und bärtig kommen sie daher, die Pelzmartiga. Die mit Pelz und Maske verkleideten Gestalten sollten noch vor ein paar Jahrhunderten die Geister des alten Jahres vertreiben und vor Unheil bewahren. Denn die Bergdörfer waren früher nicht nur vom Bär und Wolf bedroht, sondern auch von anderen Gefahren wie Lawinen, Wassernot, Hunger, Armut oder Krieg.

Dieser Altjahrsbrauch wird in Kandersteg auch heute noch gelebt: Zwischen Weihnachten und dem Neujahrstag sind die Pelzmartiga im Dorf unterwegs, mischen sich unter die Besuchenden und erschrecken dabei Wintergäste und Einheimische lautstark mit Kettengerassel und Treichlen.

Auch in Adelboden sind die Pelzmartiga während des Christmonates allgegenwärtig. Beim Einkaufen in den einheimischen Geschäften werden Sammelmarken, sogenannte Pelzmartiga, abgegeben. Mit der gezeigten Loyalität gegenüber dem Adelbodner Gewerbe und vollen Sammelkarten gibts Rabatte sowie die Chance an einer Verlosung tolle Preise zu gewinnen – also nichts wie los: die pelzigen Einkaufsbegleiter warten nicht!

Ein grosses Revier

Irgendwie hat sie es eilig, die Revier-Hotelgruppe. Nachdem das Unternehmen Ende 2017 die Revier Mountain Lodge in der Lenzerheide eröffnet hatte, wurde auch in Adelboden ein entsprechendes Projekt vorangetrieben: An der Dorfstrasse soll auf der «Alpenrose»-Liegenschaft bekanntlich das zweite Schweizer Revier-Hotel entstehen. Und nun lese ich gerade, dass im arabischen Emirat Dubai der Bau des «Revier Dubai Business Bay» voranschreitet. Noch ein Hotel also.

Adelboden und Dubai – dass die junge Hotel-Kette gerade auf diese beiden scheinbar so unterschiedlichen Orte setzt, hat sicher seine Logik. Tatsächlich weisen das Engstligtaler Chaletdorf und die arabische Millionenstadt viele Gemeinsamkeiten auf:

  • beide beweisen einen Hang zur Höhe: Dubai hat mit dem Burj Khalifa einen Wolkenkratzer der Superlative. Mit seinen gut 800 Metern sieht dieser neben dem Lohner (3049 m ü. M.) allerdings eher zierlich aus.
  • beide ziehen massenhaft Gäste an: Das gilt in Adelboden für den rekordverdächtigen Sommerbetrieb 2018 wie für den Januar, wo jeweils Zehntausende zum Weltcup pilgern. Dubai wiederum hat jährlich um die 15 Millionen Besucher …
  • beide lieben den Schneesport: Dubai verfügt über eine Skihalle mit fünf Abfahrten, die grösste davon ist 400 Meter lang. Gegen die 210 Pistenkilometer von Adelboden-Lenk sieht der grösste Indoor-Snowpark der Welt jedoch immer noch klein aus.
  • Muss ich noch erwähnen, dass beide Orte einen Greifvogel im Wappen haben, und dass die Reviergruppe in Dubai moderne Working Spaces plant, ähnlich dem Mountain Hub Adelbodens?

Die Liste der Gemeinsamkeiten liesse sich wohl endlos weiterführen. Vielleicht eines noch: beide Orte ziehen sich gegenseitig touristisch an. So kommen jährlich mehr arabische Reisende ins Oberland. Umgekehrt besuchen vor allem Schweizer Politiker die arabische Halbinsel. Bei Letzteren darf man sich zwar getrost fragen, ob das wirklich noch ihr Revier sein sollte. Aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr …