Von Platzhirschen

Weltcup-Fazit 1: Eigentlich müsste es in Adelboden ja „Platzhirscher“ heissen. Denn haben Sie die Leistungen des Österreichers Marcel Hirscher am Chuenisbärgli verfolgt? 2012 zweimal Gold, 2013 einmal Gold, 2014 Bronze und Gold, 2015 Gold und Bronze. Eben.
Weltcup-Fazit 2: Platzhirsche müssen damit nicht zwingend vom jeweiligen Platz stammen. Nationalrat Albert Rösti (war auch am Rennen) wohnt als geborener Frutiger mittlerweile ja auch in Uetendorf. Und die Dorfrocker, die den Weltcup musikalisch umrahmten, stammen aus Bayern. Ich wiederum verfasse diese Bilanz zum Skizirkus in der Nähe der Stadt Bern.
Und wo hat der mobile Weltcuptross gerade seinen Platz? Ich schreibe diese Zeilen Mitte Woche, also müsste er sich nun etwa in der Mitte zwischen Adelboden und Lauberhornabfahrt befinden – das wäre Luftlinie dann etwa beim Tschingelsee im Kiental. Auch ein schöner Platz für Hirsche.

Tradition auf dem Eis

Der Skizirkus ist im Dorf, wer denkt da schon an Eishockey? Die 1. Liga Partie zwischen dem EHC Adelboden und dem EHC WIKI-Münsingen war mir trotzdem ein Abstecher in die Sportarena wert. Das schnelle Spiel auf dem Eis hat hier Tradition, seit 85 Jahren gibt es den Verein im Dorf. Auf den Rängen war es ruhig, die Stimme wird schliesslich das ganze Wochenende am Chuenisbärgli arg beansprucht. Nach dem 1. Drittel steht es 0:1 für die Gäste und ein Punsch erwärmt die kalten Glieder. Endlich ertönt das Vogellisi-Lied, die Einheimischen haben ausgeglichen. Die Freude währt ganze 6 Sekunden, danach ist Adelboden wieder in Rückstand und die Partie entschieden. Nach 60 Minuten wird das Spiel im Restaurant von den Eishockeyverrückten bis ins kleinste Detail analysiert. Offen bleibt jedoch die Frage, wer der “bösischt Hoekeyler vom Iis”  ist.

Legendäre Figur, legendäre Strecke

Das Vogellisi im Hexen-Kessel des Weltcups? Passt doch super. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Zumindest das Vogellisi-Lied wird an den Renntagen sicher wieder allgegenwärtig sein. Ich rezitiere den Text hier nicht noch einmal. Wer mehr Abwechslung sucht, den möchte ich aber darauf hinweisen, dass Slalom bereits ein äusserst vielseitiger Sport ist – dazu gehören nämlich auch Disziplinen wie Lose-Ziehen, Tore-Treffen, Stangen-Boxen und natürlich Treppchen-Steigen und Trophäen-Stemmen zum Schluss. Vom Ausdauer-Posieren für die Fotografen ganz zu schweigen.

So viele Sportarten in einer vereint… Neid keimt auf – bis mir bewusst wird, dass die Zuschauer den Athleten in nichts nachstehen. Auch das Publikum am Chuenisbärgli verfügt nämlich über eine breite Palette von Aktivitäten, die dem passiven Herumhängen vorbeugen: Fahnenmeer-Tauchen oder Fahnen-Schwingen, Zelten, Boxenstrassen-Rennen, Tyrolienne-Fahren, Gläser-Heben, Hälse-Recken und Kampf-Klatschen. Das Vogellisi hat sich derweil aufs Kassen-Stürmen spezialisiert, denn Schlange-Stehen sollte nicht zu den Weltcup-Disziplinen zählen. Das Lisi gehört schliesslich auf die Tribüne.

 

150 Jahre

Und Entschuldigung, aber ich kanns im Moment fast nicht mehr hören: Das ganze Land plappert derzeit über das runde Jubiläum des Schweizer Wintertourismus. Wenn Dir 50 Leute auf 100 verschiedene Arten erklären, dass etwas 150 Jahre alt ist, treten naturgemäss Ermüdungserscheinungen auf, und die Aufmerksamkeit erschöpft sich in einem matten Nicken – besonders, wenn man selbst zu diesen 50 Leuten gehört. Und gut, es gäbe ja immerhin noch vieles am Rande zu entdecken, zahlreiche Nebenschauplätze für fesselnde Berichte warten auf die Feder: Etwa dass der Wildstrubelgletscher 1864 noch etwa 500 Meter länger war als heute. Oder dass das Hickory-Holz der ersten Ski hierzulande zu den Walnussgewächsen gehört und bereits im 19. Jahrhundert nur noch in Nordamerika vorkam. Alles ganz interessant.

 Und nein, ich will kein Spielverderber sein. Es gibt natürlich grundsätzliche, historische Fragen, die das Jubiläum aufwirft und die irgendjemand irgendwo irgendwie sicher auffangen sollte. Wer war der erste? Wo gings am schnellsten? Was kam am Anfang? Warum gerade hier? Wie lief die Entwicklung? Fragen über Fragen, die andere an anderer Stelle besser beantworten können. Aber wenn ich hier noch meinen Senf hinzubloggen darf, dann doch eher mit der Feststellung: Was 150 Jahre dauert, hat immerhin Konstanz bewiesen, Zähigkeit, Widerspenstigkeit, Widerstandsfähigkeit. Ein gewisser Trotz gegenüber eisigen Hindernissen und winterlichen Mühsalen. Wer wieder aufsteht, ist vorher nämlich wahrscheinlich hingefallen. Wer springt, musste sich vorher bücken. Wer gleitet, brauchte vorher oft einen gutgemeinten Schups von hinten.

 Und ja, auch ich komme an dieser Stelle wieder mit historischen Beispielen dieser Widerstandskraft – es sei mir als einer der 50 Leute (siehe oben) verziehen. In einem Moor beim schwedischen Ort Hoting ist ein 4500 Jahre alter Ski gefunden worden. Man darf annehmen, dass der Besitzer damals sicher ordentlich geflucht hat, als er ihn verlor, dass er dann aber nach Hause zurückkehrte und sich eine neue Latte zimmerte. Die Nachbauten seines Geräts gleiten heute rund um den Planeten. Im WM-Training tausende Jahre später stürzte der Skifahrer Fred Rubi. Seine schwere Rückenstauchung hielt ihn aber nicht davon ab, sich alsbald zum Adelbodner Kurdirektor wählen zu lassen und die internationalen Rennen in Adelboden zu gründen.

Und ok, ich gebe es zu, solche Wintergeschichten höre ich immer wieder gerne.