Eine Bühne für die Hoffnung

Reisen ist momentan ja gar nicht angesagt. Coronavirus und so. Andererseits sind geschlossene Räume und die Enge der Stadt genauso ungünstig – alleine und draussen lässt sich das empfohlene «Social distancing» nun einmal viel besser realisieren. Dies wiederum spräche dafür, sich für eine Weile in eine einsame Waldhütte im Berner Oberland zurückzuziehen. Nicht reisen. Einfach mal dort bleiben. Nur die Stille suchen. Teil des schweigenden Forsts werden. Das virale Unwetter vorüberziehen lassen.

Aber klar, auf die Dauer schlägt totale Isolation auf die Psyche. Also wieder weg? Aber wohin soll man, wenn man nirgends hin soll? Nun, es gäbe auch noch die Möglichkeit, nicht zu reisen, sondern reisen zu lassen. Zum Beispiel hätte das nächste Theater der Oberländer Märlibühni «Der grosse Traum – eine abenteuerliche Reise zu Vogellisis Wurzeln» geheissen. Da hätte man einfach mal zusehen können, wie die Vorfahren der Kräuterfrau von Adelboden nach New York düsen.

Am 17. April sollte die Showserie in Steffisburg beginnen. Nun musste das Theater zwar abgesagt werden. Coronavirus und so. Trotzdem sollte man sich ans Script von «Der grosse Traum» halten: Darin geht es unter anderem um Hoffnung, um ein besseres Leben, um Freundschaft und um Glück. Und dafür finden wir immer eine Bühne.

Die längste Minute

55 Sekunden. So kurz dauert die Fahrt der Slalomcracks beim Weltcup am Chuenisbärgli. Mit etwa 70 Sekunden ist die Riesenslalom-Elite am kommenden Wochenende nicht viel länger unterwegs. Tja. Von solchen Geschwindigkeiten kann ich momentan nur träumen. Nach einem Unfall bin ich schon froh, wenn ich es in einer Minute bis ins Wohnzimmer schaffe.

Aber die Krücken-Phase hat auch ihr Gutes. Ich bin achtsamer denn je. Es gibt Leute, die horrende Summen in Seminare und Kurse investieren, um sich die Konzentration auf den Moment mühsam anzutrainieren. Für mich dagegen ist Achtsamkeit ein nützliches, ja unverzichtbares Instrument geworden. Ich kann gar nicht mehr anders. Denn ohne penibel auf den nächsten Schritt zu achten, fiele ich rasch auf die Schnauze.

Plötzlich entwickle ich grossen Respekt vor der Arbeit der Wegmeister und Winterdienste, die mir das Trottoir mit Salz und Kies sicherer machen. Plötzlich habe ich Musse, um den Blick an der Ecke schweifen zu lassen. Hier sitzt eine Dohle. Da verläuft eine Fuchsspur. Dort scheint die Sonne in 15 Minuten hin. Dafür lohnt es sich, zu warten. Nein, das wird definitiv nicht mein sportlichster Winter. Aber so viele grosse Momente habe ich auf so kleinem Raum selten erlebt. Den Tempo-Titel können sich am Chuenisbärgli derweil andere holen – in einer der vielen Minuten des Winters.

Gegen die beständige Unbeständigkeit

Am Freitag sprossen in Adelboden fleissig die Krokusse, am Sonntag lag das Dorf unter einer Schneeschicht, und heute ist wieder Grün angesagt. «Beständig unbeständig» lautete das Wetter-Motto eines abtretenden Aprils, der 2019 wirklich machte, was er wollte. Und dann macht der Mai witterungstechnisch nochmals alles neu – am Wochenende sollen wieder die Flocken fallen. Wenigstens hat die Engstligenalp da die Lifte noch in Betrieb.

In diesem Wechselbad der Frühlingsgefühle bin ich manchmal froh, gibt es noch unerschütterliche Fixpunkte in der Engstligtaler Landschaft. Und ich rede jetzt nicht vom Tschingellochtighorn oder vom Busfahrplan. Nein, es sind die kleinen Veranstaltungen, die einem in der Adelbodner Agenda mit schöner Regelmässigkeit immer wieder über den Weg laufen und die für Konstanz sorgen. Da ist die Yogastunde, dort das Schwimmen für Frühaufsteher. Da ist das Kinderballett, dort ist das Zmorge in der Bäckerei. Kritische Geister mögen nun monieren, dass solche Angebote gar nicht in einen Eventkalender gehören. Das seien ja keine richtigen Veranstaltungen, sondern nur schnöde Aktivitäten.

Ich aber entgegne: Wenn ein Event darin besteht, zusammen Freude zu erleben, wenn es dabei darum geht, in der Gruppe der Unbeständigkeit der Welt zu trotzen, dann ist das gemeinsame Zmorge allemal ein Event. Dann ist es egal, was April und Mai gerade machen. Dann hat das Leben für kurze Zeit einfach Bestand. En Guete.

Viel Wasser auf alte Mühlen

Ich habe kläglich versagt. Eigentlich wollte ich einen Text zu unserem Adelbodner Schwinger Inniger Thomas posten. Erinnern Sie sich? Der wurde Anfang März zum neuen Botschafter fürs lokale Mineralwasser gekürt – eine Steilvorlage für einen kleinen Beitrag im Blog. Ich sammelte raffinierte Verweise zu anderen Zweikampf-Disziplinen, wo das Wasser ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Ich wurde unter anderem fündig bei japanischen Sumo-Ringern, die sich vor dem Kampf den Mund mit Chikara-mizu («Kraftwasser») ausspülen. Ich war auf bestem Weg, einen ordentlichen Job zu machen.

Das war vor einem Monat. Seither ist viel Schmelzwasser die Engstlige hinabgeflossen, ohne dass der Post je erschienen wäre. Ich wurde aufgehalten, und nun steht am Wochenende schon der Ballenberg-Schwinget vor der Tür. Der angefangene Text ist inzwischen unauffindbar. Je nun, das Thema Flüssigkeit bleibt mir erhalten: So hat der Grosse Rat gerade entschieden, seine Mitarbeiter nicht zu Hahnenwasser zu verdonnern. Dass die Beamten dagegen weiterhin edles Mineralwasser schlürfen dürfen, verdanken sie wirtschaftlichen Interessen: Das Parlament machte geltend, ein Mineralwasserverbot schade den Abfüllern. Einer der Betriebe liege schliesslich im Kanton Bern. Und nun raten Sie einmal, wo.

Ich persönlich trinke fast ausschliesslich Hahnenwasser. Aber bevor ich nun mit einem Wyberhaken zu Boden geschwungen werde, vertage ich die Diskussion auf nächsten Monat.

Meine Revanche

Favorit Christian Stucki hat sich also am Sonntag am Engstlig-Schwinget durchgesetzt. Je nun, als Pate der Globi-Bahn zum Hochplateau hatte der Seeländer sicher eine Art Heimvorteil. Die Verlierer brauchen sich indes nicht zu grämen. Einerseits ist es keine Schande, gegen einen 140-Kilo-Koloss mit 41 Kranzfest-Siegen zu unterliegen. Andererseits gibt es schon in gut einem Monat eine Gelegenheit zur Adelbodner Revanche: Beim Event «Mit Stucki in den Ring» können sogar Anfänger den Hünen auf der Engstligenalp fordern.

Gut, bis zum Showdown vom 16. September dauert es noch ein Weilchen. Genug Zeit, um sich zu überlegen, ob man wirklich gegen den 198-cm-Mann in den Ring steigen will. Auf den ersten Blick klingt diese Affiche nicht nach sehr viel Spass. Allerdings gibt es auch ein paar schmeichelhafte Nebeneffekte: So heisst es ja erstens, dass im ersten Gang des Anschwingens die jeweils besten Kämpen gegeneinander eingeteilt werden. Und das bedeutet, dass sich jeder Laienschwinger Stucki ebenbürtig fühlen darf – zumindest in den ersten 2 Sekunden des Kampfs.

Zweitens werden die Schwinger ja öfters als «Böse» bezeichnet. Der liebevoll gemeinte Begriff schmeichelt den Teilnehmern und nimmt einem gleichzeitig das Lampenfieber – denn «böse» und «Stucki» lässt sich nur schmunzelnd im selben Satz verwenden. Und drittens tut es ja immer gut, wenn einem jemand auf die Schulter klopft – und sei es nur, um das Sägemehl zu entfernen. Na denn: Ring frei!