Die längste Minute

55 Sekunden. So kurz dauert die Fahrt der Slalomcracks beim Weltcup am Chuenisbärgli. Mit etwa 70 Sekunden ist die Riesenslalom-Elite am kommenden Wochenende nicht viel länger unterwegs. Tja. Von solchen Geschwindigkeiten kann ich momentan nur träumen. Nach einem Unfall bin ich schon froh, wenn ich es in einer Minute bis ins Wohnzimmer schaffe.

Aber die Krücken-Phase hat auch ihr Gutes. Ich bin achtsamer denn je. Es gibt Leute, die horrende Summen in Seminare und Kurse investieren, um sich die Konzentration auf den Moment mühsam anzutrainieren. Für mich dagegen ist Achtsamkeit ein nützliches, ja unverzichtbares Instrument geworden. Ich kann gar nicht mehr anders. Denn ohne penibel auf den nächsten Schritt zu achten, fiele ich rasch auf die Schnauze.

Plötzlich entwickle ich grossen Respekt vor der Arbeit der Wegmeister und Winterdienste, die mir das Trottoir mit Salz und Kies sicherer machen. Plötzlich habe ich Musse, um den Blick an der Ecke schweifen zu lassen. Hier sitzt eine Dohle. Da verläuft eine Fuchsspur. Dort scheint die Sonne in 15 Minuten hin. Dafür lohnt es sich, zu warten. Nein, das wird definitiv nicht mein sportlichster Winter. Aber so viele grosse Momente habe ich auf so kleinem Raum selten erlebt. Den Tempo-Titel können sich am Chuenisbärgli derweil andere holen – in einer der vielen Minuten des Winters.