Tasten gegen Saiten

Leipzig. Wir schreiben das Jahr 1730. Johann Sebastian Bach schreibt das Doppelkonzert für zwei Violinen in d-Moll. Dass der Orgel- und Klaviervirtuose dabei den Tasten nicht ganz abschwören konnte, sollte sich aber bald einmal zeigen: Bach arbeitete das Violinenstück später nämlich für zwei Cembali um – wir kennen es heute als Konzert in c-Moll. Dass der erste Satz des Werks ein Fugen-Thema enthält, spricht ebenfalls für den Pianisten Bach. Diese Art der mehrstimmigen Melodieführung hatte er schliesslich acht Jahre zuvor im «Wohltemperierten Klavier» perfektioniert.

Bern. Wir schreiben das Jahr 1999. Ich versuche mich als Hobby-Pianist an den Fugen und Präludien im «Wohltemperierten Klavier». Die mathematische Komplexität der Themen fordert jeden einzelnen Finger, ich meistere nur Bruchstücke der Partitur. Heute kann ich knapp noch den Anfang des Präludiums in c-Moll spielen, dann versagen meine Hände. Wohlgemerkt: Im Vergleich zu einem Violinenkonzert handelt es sich beim «Wohltemperierten Klavier» nur um eine Sammlung von Fingerübungen. Vielleicht sollte ich das Feld doch wieder den Streichmusikern überlassen …

Adelboden. Wir schreiben das Jahr 2015. Am Eröffnungskonzert des Swiss Chamber Music Festivals erweist das Ensemble Geneva Camerata Bach die Ehre. Es spielt am 25. September unter anderem auch das Doppelkonzert für zwei Violinen in d-Moll. Hier schliesst sich nun der Kreis. Das Konzert gehört wieder den Geigen. 24 Streicher gehören immerhin zum Orchester. Wobei – ganz geschlagen geben sich die Pianisten dann doch nicht: Zur Geneva Camerata gehört nämlich auch ein Keyboarder. Ich hoffe, er hat flinke Finger.

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