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Wenn Legenden auswandern

Etwas frustriert habe ich die beiden Gemeindeseiten von Steffisburg und Adelboden verglichen. Denn eines muss ich den Thun-Nachbarn lassen: Sie können sich verkaufen. Unter www.steffisburg.ch findet sich ein Gemeindeporträt, das nur so strotzt vor Stolz und Gastfreundschaft. «Unser Dorf hat immer Brücken geschlagen und schlägt sie täglich neu», heisst es da. «Sie sind gern gesehen (…). Als Persönlichkeit unter fünfzehntausend Persönlichkeiten», heisst es da. Und: «Ob für einen kurzen Aufenthalt. Für eine Weile. Für immer: Sie sind herzlich eingeladen.» Bei dieser Wortwahl erstaunt es nicht, ist Steffisburg die fünftgrösste Gemeinde des Kantons: Solche Einladungen nimmt jeder gerne an.

Und die Gemeinde Adelboden? Da muss man schon weit runterscrollen bei den Google-Treffern, bis man unter www.3715.ch fündig wird. Dort gibt es dann zwar ebenfalls ein Dorfporträt zu lesen, aber es ist eher geschichtlich-trockener Natur. Und es zeigt vor allem, warum die Einheimischen in der Vergangenheit das Tal verliessen. Von Lawinen und Erdrutschen ist die Rede, von Missernten und Tierseuchen, von beschwerlichen Wegen und «fast völliger Abgeschiedenheit» der «Waldleute». «So kam es, dass viele Adelbodner auswanderten», lautet das Verdikt

Adelboden hat momentan viermal weniger Einwohner als Steffisburg. Mit dieser Wortwahl dürfte sich daran nicht viel ändern. Im Gegenteil: Es gibt prominente Adelbodner Auswanderer, welche die Steffisburger Einladung angenommen haben. Zum Beispiel das Vogellisi, das dort mit ihrem Theater in die zweite Sommersaison gehen wird. Immerhin rührt das Mädchen dabei zünftig die Werbetrommel für ihre Heimat: Die Aufführungen in Steffisburg entführen einen ins fiktive Lohnerdorf, machen damit aber auch neugierig aufs reale. Darf Adelboden mit einer Zuzüger-Schwemme aus Steffisburg rechnen? Anfang März beginnt der Theater-Vorverkauf.

Wo sogar das Vogellisi mittanzt

Ruhig, ausgeglichen, imposant und majestätisch. So würde ich das Unter dem Birg und die Aussicht auf den Engstligen Wasserfall normalerweise beschreiben. Für das Wochenende vom 7. und 8. Juli – dem legendären Vogellisi-Wochenende – muss ich meine Wortwahl wohl etwas anpassen: belebt, laut, aufgeregt und bodenständig.

Als ich losfahre in Richtung Unter dem Birg, bin ich nervös und sehr gespannt, was auf mich zukommen wird. Ich wirke an diesem Wochenende als Helfer am Festival. Ich gehe davon aus, dass mich erst einmal Hektik erwartet, bis alles organisiert ist und jeder an seinem Platz steht. Dort angekommen stelle ich fest, dass von Stress nicht die Rede sein kann. Alle wirken gelassen. Es scheint, als überstrahle die Vorfreude alles. Und diese steigt bei mir stetig.

Nach einigen kurzen Anweisungen, Erklärungen und nach Bezug von einem „flotten“ Helfer T-Shirt trudeln bereits die ersten Gäste ein. Wahrscheinlich hat das Unter dem Birg auf diese abgefärbt. Alle wirken ruhig und ausgeglichen.

Das Line Up, das uns erwartet, ist aber alles andere als ruhig. Bald darauf geht’s endlich los. Der aus Adelboden stammende Sänger und Multiinstrumentalist Andi Allenbach eröffnet als ND Turn das 10. Vogellisi Festival. Nach diesem Startschuss, geht’s rund. Nach The Souls und Lovebugs sorgen Hecht und Troubas Kater für tolle Stimmung im Festzelt. Wenn man zwischendurch eine kleine Stärkung braucht, gibt es am Foodstand direkt hinter dem Festzelt wunderbare Gerichte, sowie unglaublich köstliche Nussgipfel. Das Festgelände ist klein aber oho! Die vielen bekannten Gesichter machen die Stimmung schon fast ein wenig familiär. Mit vielen Wiedersehen und guten Gesprächen geht es bereits am Freitag bis in die Früh.

Doch am Samstag ist Ausschlafen für mich kein Thema. Bereits um 12.30 Uhr stehe ich wieder im Unter dem Birg, bereit für meinen nächsten Einsatz. Alle, Helfer als auch das OK, sehen bereits ein wenig mitgenommen aus. Doch wie schon am Freitag scheint die Vorfreude auf den zweiten Tag und die weiteren Konzerte alles zu überstrahlen. Gut gelaunt öffnen sich die Tore des Geländes pünktlich wieder und dann geht’s auch schon weiter im Text: Steve Hophead, Chubby Buddy, Chica Torpedo, Halunke, Dabu Fantastic, Züri West Chlyklass und zum krönenden oder besser gesagt tanzenden Abschluss Klischée. Diese heizen der Menge zu später Stunde noch einmal so richtig ein. Wohin ich schaue, alle tanzen. Diese Energie und Dynamik ist atemberaubend und auf jeden Fall ansteckend. So tanzen wir alle ins Party-Zelt direkt nebenan. Und ich kann mir gut vorstellen, dass sogar das Vogellisi selbst irgendwo ausgelassen mittanzt…

Ich schaue auf ein abwechslungsreiches, lustiges, unterhaltsames und fantastisches Wochenende im normalerweise so ruhigen Unter dem Birg zurück. Friedliche Leute, tolles Wetter (mehrheitlich), motivierte Helfer und mitreissende Musik. Das Festival am Ende der Welt war definitiv ein voller Erfolg. Ich war zum ersten Mal dabei, aber bestimmt nicht zum letzten Mal!

Bilder © Yannick Brunner; Vogellisi Festival

Weitere Bilder, News und Infos unter http://www.vogellisifestival.ch/news.html

 


 

 

 

Das Festival am Ende der Welt

Zähle doch einmal alle Festivals der Schweiz auf, die Du kennst. Ich bin mir sicher, dass da alle grossen Namen wie Gampel, Frauenfeld, St.Gallen, Greenfield, Gurten usw. fallen. Doch ein kleines Festival wird wohl nicht so oft aufgezählt. Von welchem ist wohl hier die Rede?

Klein aber oho! So würde ich das Vogellisifestival in Adelboden bezeichnen. Das zweitägige Festival am schönsten Ende der Welt, oder auch im Unter dem Birg nahe dem spektakulären Wasserfall, zieht jeweils mehr als 2‘200 Besucher ins schöne Berner Oberland. Gute Musik, gut gelaunte Leute und eine ausgelassene Stimmung, mehr ist nicht nötig um ein gelungenes Fest zu feiern. Und Feste feiern, das können die Oberländer, soviel ist klar!

Obwohl dieses Jahr bereits die 10. Ausgabe vom Vogellisi stattfindet (alle zwei Jahre 2001-2007; 2013; 2015), ist es mir bis lange nicht gelungen, einmal dabei zu sein. Schande! Umso mehr freue ich mich darauf, wie ich mich noch selten auf etwas gefreut habe. Endlich kann ich dabei sein, wenn im heimeligen Engstligtal vor imposanter Kulisse die Fetzen fliegen. Einen Eindruck kannst auch Du Dir verschaffen. Unter http://www.vogellisifestival.ch findest Du alles von News über Tickets bis zur Geschichte des Festivals. Und das diesjährige Line Up lässt sich definitiv sehen! Neben Hecht, Lovebugs und Züri West werden weitere tolle Acts die Bühne dem Publikum so richtig einheizen.

Ich werde dabei sein, und später über das Festival berichten. Jedoch wäre es schade, nur darüber zu lesen! Viel besser wäre, Du sicherst Dir jetzt Dein Ticket und bist am 7. und 8. Juli live dabei, am Festival am Ende der Welt. Wir sehen uns dort! Cheers!

 


 

 

 

Lauf, Lisi, lauf!

Ach, Bergrennen sind eigentlich nicht so meins. Aber wahrscheinlich ist es der pure Neid, der mich als Wanderer umtreibt. Da wollte ich zum Beispiel kürzlich in vier Stunden den Niesen besteigen und hielt das für sportlich. Auf halber Strecke im Vorderen Ahorni überholte mich dann eine gleissende Lichtgestalt in Radlerhosen und mit Trinkflasche am Gürtel. Im Laufschritt. Noch während ich mich an der Bergflanke weiter abquälte, kam mir der Jogger bereits wieder im Abstieg entgegen. Immer noch ohne gross zu schnaufen.

Und damit sind wir beim Grund, warum ich heute blogge: Im April hatte ich vollmundig von den vielen Vogellisi-Auftritten in diesem Jahr geschwärmt (neues Buch, neues Theater, neue Konzerte). Und dabei ganz den 14. Vogellisi-Berglauf vom 16. Juli vergessen. Und da sind wir wieder beim Thema. Der neue OK-Präsident des Laufs, Jonathan Schmid, ist nämlich selber auch so ein Senkrechtstarter am Hang. Der Adelbodner gewann das Vertical-up über die Lauberhorn-Abfahrtsstrecke. Ist Schweizermeister. Hat soeben am 13. Blüemlisalp-Lauf mit grossem Vorsprung gesiegt. Und kämpft beim kommenden Vogellisi-Lauf ebenfalls um den Titel.

Ach, Bergläufe sind eigentlich nicht so meins. Aber wenn ich solche Leistungen sehe, beschleunigt sich mein Wandertempo im Engstligtal unwillkürlich. Wird es irgendwann im Laufschritt enden?

Musikalische Handbremse gelöst

Schön, wenn Grössen wie Clyklass, Lovebugs, Züri West oder Troubas Kater zum diesjährigen Vogellisi-Festival finden. Noch besser, wenn zum Line-up auch Adelbodner gehören. So wie Andi Allenbach, Frontmann der Soulband ND Turn. Das «Turn» im Bandnamen steht für den ständigen Wandel im Leben des 35-Jährigen Multiinstrumentalisten. In einem Interview in der «Jungfrau Zeitung» beschrieb er sein musikalisches Engagement denn auch mit dem Motto «Die Handbremse lösen und nicht mehr nachdenken.»

Um die Handbremse gefahrlos lösen zu können, ist allerdings eine solide Basis erforderlich. So wurde Andi Allenbach im beschaulichen Adelboden geboren, um dann überall in der Schweiz zu wohnen. So hat er sich den Oberländer Dialekt zumindest teilweise erhalten, um nun auch englisch zu singen. So spielte er erst nur Schlagzeug, um sich dann Schritt für Schritt auch Trompete, Klavier und schliesslich Gitarre beizubringen. So bereitete seine musikalische Familie den Boden für spätere Einsätze in Chorprojekten, Bigbands und Rap-Combos.

Und wo führt es hin, wenn man die Handbremse löst? Erstaunlicherweise zurück zu den Wurzeln. Denn «Turn» heisst «Wende» oder «Kurve». Und wer sich zweimal wendet, blickt wieder heimwärts. Weite Kreise zu ziehen, bedeutet also immer auch, den Ausgangspunkt als Ziel mitzudenken. Also das Engstligtal. Und das Vogellisi-Festival.