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Rennen beidseits des Ozeans

Ach, was schwappt nicht alles von Übersee zu uns hinüber, bis ganz nach hinten ins Engstligtal. Ich darf mich ja nicht beschweren. Der Austausch über den Atlantik hat mir schon viel Stoff für Blogposts beschert. Es begann mit dem amerikanischen Hickory-Holz für die ersten professionellen Ski im Tal, es setzte sich fort mit 600 notgelandeten US-Fliegern, die im Zweiten Weltkrieg in Adelboden strandeten. In letzter Zeit gab etwa der Besuch von US-Botschafterin Suzi LeVine Anlass zum Bloggen oder auch der «Adelboden Second»-Videoclip, in Anlehnung an Trumps «America First»-Slogan.
Es gibt aber auch Menschen, die den umgekehrten Weg beschreiten, so wie der Frutiger Autorennfahrer Simon Trummer. Der 28-Jährige hat beschlossen, der Langstrecken-Weltmeisterschaft den Rücken zu kehren und neu in den USA zu fahren. Warum das? «Dort erlebt man noch richtigen Rennsport», sagt Trummer in einem Interview mit der «Jungfrau Zeitung». Er schätze die «open spaces» und «open minds» drüben. Sport sei in den Staaten Religion, «in der Schweiz wird dies nicht so angesehen».
Nun liebäugelt Trummer sogar mit einer Auswanderung ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Statt immer zu importieren hätten wir so einen wichtigen Export am Start. Immerhin hat der Frutiger im Interview auch erzählt, er fahre gerne in Adelboden Ski. Für diese Art Rennen dürfte er wohl immer wieder gerne nach Hause kommen.

Wieder ein Bully auf der Piste?

Über 22000 Aufrufe hat das «Youtube»-Video «Adelboden Second» bereits. Der Zürcher Stammgast Jürg Hostettler drehte es im Stil der verschiedenen Länderbeiträge, die Donald Trumps «America First»-Slogan auf satirische Weise weiterführen. Hostettler zieht in seinem Winterwerk verschiedene augenzwinkernde Vergleiche zur aktuellen US-Politik. So trage Adelboden einen Adler in seiner Flagge – der Greif ist aber auch Wappenvogel der Vereinigten Staaten. Zudem kreise die Schweizer Luftwaffe öfters über der Region. Das eigne sich gut für Eskorten der «Air Force One» – allerdings nur während der Bürozeiten usw.

Der Hobby-Regisseur erklärt in einem Interview der «Jungfrau Zeitung», er habe «ein lustiges Video» schaffen wollen, das «aber auch die Schönheit des Skigebiets zeigt». Nicht alle User finden das indes so lustig. Eine der 20000 ZuschauerInnen kommentiert, sie sei «schockiert, welche Dekadenz in diesem Video zutage kommt». Das knapp dreiminütige Filmchen sei «beschämend und destruktiv». Ich sehe das anders. Von mir aus hätte Hostettler ruhig noch eine Schippe drauflegen können.

Man erinnere sich: Selbst Suzi LeVine, Amerikas langjährige Botschafterin in der Schweiz, fuhr gerne und wiederholt in Adelboden Ski. Sie hat dort sogar einmal einen Pistenbully mit Namen «Snow Force One» getauft. Nach Trumps Wahl ist sie nun aber Ende Januar als Diplomatin zurückgetreten und kritisiert Trumps Einreisepolitik seither offen. In diesem Sinne gefallen mir die politischen Passagen im «Adelboden Second»-Video am besten: Etwa der Kommentar zur Skilift-Schlange: «Wir wissen, wie man Menschen integriert.» Oder der träfe Satz zum Tarifverbund, der ebenso gut auch die neue Tourismus-Organisation TALK AG beschreiben könnte: «Wir bauen keine Mauern, aber verbinden Skiregionen.» Diese Botschaft ist alles andere als destruktiv.

USA vs. Adelboden zum Zweiten

Nächste Woche stellen die Sillerenbahnen wohl den Winterbetrieb ein, und damit hat sich auch der Pistenbully «Snow Force One» eine Pause verdient. Wie angekündigt gönne ich mir ebenfalls eine zweiwöchige Auszeit in den USA, doch seid deswegen unbesorgt: Der Vogellisi-Blog wird von meinen beiden Co-Autoren in der Zwischenzeit natürlich weiter mit aktuellem Material gefüttert.

Und der amerikanische Einschlag bliebt der Region ebenfalls erhalten. Schliesslich können Sie auf der Engstligenalp bis am 3. Mai immer noch einen «Double MacTwist Tailgrab» auf der Piste zeigen. Beim «Alpäsplash» schaffen es dort auch Easy-Rider in den Pool. Oder Sie decken sich im American Shop in Frutigen mit Stetson und Stiefeln ein und besuchen dann die Country Night in der Kanderarena. Oder Sie essen einen saftigen Hamburger im «Alpenblick». Oder Sie gucken «Fast & Furious 7» im Ciné Rex. Oder Sie bringen Gülle mit Ihrem John-Deere-Traktor aufs Feld. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist manchmal also gar nicht so weit weg.

Botschaften kann ich auch

Kürzlich war ja die US-Botschafterin Suzi LeVine einmal mehr in Adelboden zu Gast. In knapp einem Monat drehe ich nun den Spiess um und fliege selbst wieder über den grossen Teich. Why? Sicher nicht, um über das amerikanische Chaos zu wettern, das die winterlichen Schneestürme an der Ostküste öfters auslösen. Nein, wie LeVine werde auch ich in diplomatischer Mission unterwegs sein. Ich habe nämlich gerade gelesen, dass es um die Schweizer Auswanderer im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gar nicht gut steht.

Erdmann Schmocker, ehemaliger Präsident der «Swiss American Historical Society», warnte in einem «Swissinfo»-Interview: «Ich befürchte, dass die Schweizer Gemeinschaft in den USA in 20 Jahren komplett verschwunden sein wird.» Whaaat? Heute gebe es noch rund eine Million AmerikanerInnen mit Schweizer Wurzeln, während es vor 20 Jahren noch doppelt so viele waren. You must be kiddin’! Was wird dann aus lauschigen Orten wie «New Bern» in Nebraska? («New Adelboden» gibt es meines Wissens nicht.)

Diese Entwicklung ist äusserst bedenklich. Wenn ich also durch meinen US-Aufenthalt die Zahl der Eidgenossen drüben wenigstens kurzfristig etwas steigern kann, so tue ich das doch gerne. Vielleicht kann ich dabei ja gleich noch einen Mississippi-Dampfer auf den Namen «Blüemlisalp» taufen oder dafür weibeln, dass Käse nicht immer zwingend aus der Tube kommen muss. We’ll see.