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So himmlisch ist der Äquator nicht

Ah, der Frühlingsbeginn! Alles erscheint einem so leicht und frisch. Der Krokus spriesst, der Skifahrer kurvt, der Schmetterling im Bauch gaukelt. Bis man über die Tagundnachtgleiche stolpert. Ein interessantes Wort. Aber nicht sehr leicht und frisch. Ein anderer Begriff dafür ist Äquinoktium – aber das macht die Sache eigentlich nur noch schlimmer. Jetzt sind wir nämlich bereits dort angelangt, wo die Sonne momentan den Himmelsäquator passiert. Auf ihrer scheinbaren Bahn um die Erde, der Ekliptik.

Spätestens jetzt fühlt sich der Frühling statt leicht und frisch schwer und abgestanden an. Der Jahreszeitenwechsel lädt sich zusehends mit Theorie auf. Denn eigentlich müssten wir die Tagundnachtgleiche noch relativieren. Da wir uns seitlich auf der Erdumlaufbahn bewegen, verändert sich wegen der endlichen Lichtgeschwindigkeit auch die scheinbare Position der Sonne. Ausserdem verändern die Gezeitenkräfte des Monds die Lage der Erdachse. Und überhaupt ist die Tagundnachtgleiche geozentrisch, also vom Erdmittelpunkt aus konstruiert. Dort war ich leider noch nie. Da bleibe ich doch lieber egozentrisch.

Ah, der Frühlingsbeginn! Alles spricht dafür, eine astronomische Auszeit zu nehmen und die Tagundnachtgleiche draussen zu geniessen.

Zukunft in jeder Zelle

Kaum kommt die Sommersonne raus, verlässt meine Nachbarin ihre Dachwohnung und flüchtet runter an den Pool. Von Juni bis September wohnt sie also eigentlich draussen, denn oben unter dem Giebel ist es einfach unerträglich heiss und stickig. Daraus kann ich nun zwei Schlussfolgerungen ziehen: Erstens sollte man unser Dach wohl besser isolieren. Und zweitens ist es eigentlich schade, all die Wärme draussen auf den Ziegeln ungenutzt verpuffen zu lassen. Warum keine Solarzellen installieren?

Und das gilt nicht nur für meinen Block. In Adelboden gibt es laut einer Studie der Licht und Wasserwerke mehrere hundert Dächer, die sich hervorragend für Photovoltaik-Anlagen eignen würden. Niedrigere Energiekosten, Überschüsse zum Verkaufen, weder Lärm noch Emissionen – die Vorteile von Sonnenstrom liegen auf der Hand. Nehmen wir die Daten von bestehenden Anlagen: Während ich dies schreibe, sparen die Solarzellen auf Sillerenbühl alleine heute 81 Kilo Co2 ein. Das entspricht 542 gefahrenen Autokilometern oder 2 gepflanzten Bäumen. Die Solaranlage auf dem Fuhrenweidli hat heute sogar 108 Kilo Co2 gespart. 723 Autokilometer oder 3 gepflanzte Bäume.

Also wieder rauf aufs Dach. Wer unten liegenbleibt, holt sich eh nur einen Sonnenbrand am Pool.

Mein Platz ist auf der Plattform

Wer sagt denn, der Höiturm auf Silleren sei im Winter geschlossen? Wer sagt denn, man müsse im Schnee immer in Bewegung bleiben? Nachdem ich in den vergangenen Wochen immer Snowboarding und Skifahren beworben habe, möchte ich es im heutigen Post einmal ruhig angehen lassen. Das Lob des Müssiggangs ist angesagt. Arbeit soll für einmal ebenso wenig verherrlicht werden wie exzessiver Sport. Nein, heute höre ich auf mein Bauchgefühl, und das fühlt sich eben äusserst entspannt an.

Ich gehöre bekanntlich zu denen, die nach der Sommersiesta, der Herbstmelancholie und dem Winterschlaf nahtlos in die Frühjahrsmüdigkeit übergehen. Und das ist auch gut so. Deshalb zog ich mir am Wochenende extra keine Skischuhe und -hosen an. In der Gondel gen Silleren war ich in Jeans zwar ein Exot. Als Belohnung wartete oben jedoch jede Menge Platz auf der Aussichtsplattform des Höiturms. Denn mit Skischuhen stellte die lange Treppe dort hinauf ein Mühsal dar, das nur wenige auf sich nahmen.

So thronte ich denn alleine über dem Mittagsgewusel und dem ganzen Skisalat. Beine hoch, Augen auf. Über mir wiederum führten Dutzende Gleitschirmflieger ein knallbuntes Luftballett am stahlblauen Firnament auf. In meinem Magen sorgte mittlerweile ein Schweinshalssteak mit Pommes für Blutleere im Kopf. Augen halb zu. Weit hinten beim Talausgang eine Ahnung von Hochnebel. Dorthin würde ich zurückkehren, mit den Wanderschuhen, die ich mir unten im Dorf noch kaufen sollte. Für später. Aber das hatte noch Zeit. Augen zu.

Das Hoch ist weiblich

«Annelie» heisst das Hoch, welches das Oberland diese Tage schwitzen lässt. Warum «Annelie»? Weil Hochdruckgebiete in ungeraden Jahren weibliche Namen tragen und Tiefdruckgebiete männliche. «Xenia», «Yoko» und «Zoe» hiessen also die vorhergehenden Hochs 2015, «Bigi», «Clara», «Dietlinde» und «Eva» werden in den nächsten Monaten folgen. Und hoffentlich nicht «Reinhard» oder «Siegfried» – denn so heissen wahrscheinlich die nächsten Tiefdrucklagen.
Und wer ist für diese Namentaufe verantwortlich? Sie. Seit 1954 kann man beim Berliner Institut für Meteorologie nämlich eine Namens-Patenschaft für Wetterlagen beantragen. Zeitungen, Radio- und Fernsehwetterberichte übernehmen dann die ausgewählten Namen. International. Wenn Sie also auf dem Hahnenmoospass die Sommersonne geniessen, könnte es bald schon Ihr Name sein, der dem aktuellen Hoch gehört. Dann können Sie sich quasi an sich selbst sonnen – es sei denn, Sie sind männlich: Dann rate ich Ihnen, sich erst nächstes Jahr zu bewerben. Erst dann gehört das Hoch nämlich wieder Ihnen.

Schattenseite? Ja, gerne!

Je länger ihr Schatten, desto stärker die Person. Manche Völker am Äquator denken so. Und verlassen am Mittag nie das Haus, weil die Sonne dann senkrecht scheint und somit keine Schatten wirft. Alles Aberglaube? Dabei sind wir im Norden nicht besser. Klar, im Moment zieht es bei uns erst einmal alle ans Licht. Wir reden darum auch von der «Schattenseite», raten den anderen, «über ihren Schatten zu springen» und werfen einander vor, dass wir «wohl einen Schatten haben». Klingt genauso abergläubisch, nur gespickt mit Misstrauen gegen die Dunkelheit.

Ich finde, da der Sommer langsam Einzug hält in Adelboden-Frutigen, sollten wir auch ein bisschen mehr denken wie die am Äquator. Mehr Schatten, bitte! In der Mittagspause fläzen wir schliesslich unter der Linde vor dem Haus, weil uns die mit ihrem Laub kühlt. Beim Wanderpanorama sind es die vielen kleinen Schattenstellen, die einer Bergflanke erst richtig Kontur verleihen. Und was haben getönte Brillen und Sonnenhüte für andere Aufgaben, als dem Licht etwas im Weg zu stehen? Was wären Sonnenauf und -untergänge ohne schwarzen Horizont? Auch wenn sie also das nächste Mal in der direkten Sonne braten, denken Sie daran: Je heller es ist, desto schneller wird man dunkel. Zumindest äusserlich.