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Geschichten verzapfen

Im Kindergarten starrten die Erzieher stets sorgenvoll auf den höchsten Baum, auf dessen Wipfel ich thronte und partout nicht mehr runter wollte. Als Jugendlicher fühlte ich mich auf dem Gipfel des Wildstrubels heimisch. Aber erzählt habe ich von beidem selten – weil Geniesser schweigen.
Nun bin ich ein paar Jahrzehnte älter, und draussen ist es saukalt. Beides motiviert nicht gerade für einen Wiedereinstieg in die Senkrechte. Gäbe es da nicht das Eisklettern. Ja, das sieht wirklich spektakulär aus, und Wasserfälle mag ich auch in gefrorenem Zustand. Am Zapfen hängen klingt nicht nur cool, es fühlt sich sicher auch so an.

Als Schreiberling habe ich mir natürlich sofort das nötige Vokabular zugelegt. Man will ja mitreden können. Nun kann ich abends lässig am Tresen fläzen und locker-flockig folgende Geschichte vortragen: «Da hing ich also mit meinem schweren Rack mitten im Runout, unter mir der Serac, über mir die Crux. Das Drytooling hatte mich schon völlig ausgelaugt, und nun auch noch Blumenkohleis! Zum Glück konnte ich im Ägypter noch einen Abalakow setzen, sonst hätte es mich richtig in die Gurte geknallt.» Spätestens jetzt würde sich wohl ein Bergführer zu mir drehen, kurz verächtlich schnauben und den Blick sogleich wieder abwenden.

Vielleicht sollte ich es ja erst einmal mit einem Eiskletter-Anfängerkurs der Alpinschule Adelboden versuchen. Reden ist das eine, wissen, wovon man redet, das andere. Ein Baum ist halt kein Wasserfall, und überhaupt: Ich glaube nicht, dass erfahrene Eiskletterer gross mit ihren Erlebnissen hausieren gehen – weil Geniesser schweigen.

Hören Sie auf die Zapfen!

Minus 1, minus 4, minus 6 – wenn ich die Adelbodner Wetterprognose der nächsten Tage betrachte, weiss ich: Nun ist wieder die Zeit der Eiszapfen gekommen. Diese transparenten Schönheiten verzieren nicht nur Felswände und Dachrinnen, sondern geben auch wertvolle Hinweise für unseren Arbeitsalltag. Das mag jetzt ein wenig gesucht klingen, doch es stimmt: Gerade wer in seinem Job momentan schwierige Projekte wälzt, kann sich die kühlen Gesellen zum Vorbild nehmen:

Erstens besteht jeder Eiszapfen zu Beginn aus einem einzigen Tropfen. Es braucht also nur einen winzigen Anhaltspunkt, der auskristallisiert. Einmal festgesetzt, kann der Mini-Zapfen weiter wachsen. Übersetzt in die Arbeitssprache hiesse das: Das grosse Ziel im Auge behalten ist gut, doch es sind viele kleine Schritte, die dorthin führen. Dass junge Eiszapfen oft noch eine unattraktive Kegelform und viele Blasen aufweisen, sollte uns dabei nicht stören. Kinderkrankheiten sind unvermeidlich im Wachstumsprozess.

Zweitens benötigen Eiszapfen sowohl Schmelzwasser wie auch Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, um zu gedeihen. Es braucht also das kreative Spiel der Extreme, um grosse Resultate zu erzielen. Wer nur eine Seite berücksichtigt, riskiert Stillstand (kein neues Schmelzwasser) oder macht Rückschritte (Eis schmilzt wieder weg).

Drittens wachsen Eizapfen in der Länge zehnmal schneller als in der Breite. Es ist also ratsam, einem Projekt viel Raum zu lassen – aber man muss auch wissen, in welcher Richtung. Wer Kapazitäten schafft, wo sie nicht gebraucht werden, verschwendet seine Ressourcen.

Viertens hängt bei einem Eiszapfen ganz unten das, womit alles angefangen hat: ein einzelner Wassertropfen. Man sollte somit nicht nur stets den Ausgangspunkt im Auge behalten, sondern auch dessen mögliche Konsequenzen: Wird das Projekt zu schwerfällig, bricht der gesamte Eiszapfen ab.

Fünftens ist jeder Eiszapfen zum Schmelzen verurteilt. Es gilt, nach Beendigung des Werks loslassen zu können. Und genau das mache ich jetzt.

Sommer on the rocks

Was habe ich die letzten Tage geschwitzt wegen der Hitze! Da hilft nur Eis. Blöd nur, wenn der Vorrat an gefrorenen Wasserwürfeln alle ist – und das gilt nicht nur fürs Gefrierfach.
Heute lese ich in der Zeitung, noch nie sei auf dem Wildstrubel um diese Jahreszeit so wenig Schnee gelegen wie 2017. Das gibt zu denken. Die letzten beiden Male, wo ich diesen Gipfel bestieg – einmal mit Steigeisen, einmal mit Schneeschuhen –, lag jedenfalls nicht wenig der weissen Pracht. Aber das ist auch schon eine Weile her.
Auch sonst hat sich die Eisdecke im Lohnerdorf ausgedünnt: 5 Spieler haben gerade das Kader des EHC Adelboden verlassen.
Und die Schmelze geht weiter. Drittens ist nämlich auch Marc Furrer, seines Zeichens Präsident von Swiss Ice Hockey, letzte Woche zurückgetreten. Immerhin besitzt der Solothurner meines Wissens noch eine Ferienwohnung in unserer Destination. Damit dürfte er dem Eis trotzdem noch die Treue halten. Swiss-Ice-Hockey-CEO Florian Kohler twitterte immerhin zu Furrers Abschied: «Danke für vier Jahre Zusammenarbeit, Marc. Bald darfst du hemmungslos den EHC-Adelboden-Schal tragen.» Gut gesagt. Bei diesen Temperaturen würde ich damit allerdings noch eine Weile warten …

Blau-weiss herrscht

«Top Pisten!» – «Herzlichen Dank!» – «Danke, Frau Holle!» – «Jaaa hoffentlich ganz viel Schnee!» – «Merci viel mal für eui Büez!» – «Das isch ifach dr Hammer! … Sibäsiechä!» Diese kleine Auswahl aus den Social-Media-Kommentaren der letzten Tage zeigt, wie sehr die weisse Adelbodner Pracht die Gemüter bewegt. Gerühmt werden hier einerseits die fleissigen Heinzelmännchen, die trotz widriger Verhältnisse Ende 2016 gute Pistenverhältnisse schufen. In den Reaktionen zeigt sich aber auch die Erleichterung, dass im neuen Jahr endlich wieder Naturschnee gefallen ist.

Nun dominieren also blauer Himmel und weisse Berge die Szenerie. Die Verteilung dieser beiden Farben kann dabei nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn Blau oben und Weiss unten sieht nicht nur gut aus, es fungiert auch als Gütesiegel der Region: Wasser und Luft sind ja eigentlich durchsichtig, und nur bei idealen Bedingungen verfärben sie sich genau so. Je luftiger und frischer der Schnee, desto weisser wirkt er. Je sauberer und klarer der Himmel, desto blauer leuchtet er. Umgekehrt können verdichtete, vereiste Pisten schon fast blau erscheinen, und der dunstige Himmel trübt sich schnell einmal weisslich ein. Bäh. Dann doch lieber umgekehrt.

Für all diese Phänomene verantwortlich sind übrigens Reflexion und Streuung des Lichts. Aber ich will keinen der Schneehungrigen länger mit Physik langweilen. Worauf ich hinaus will: Blau oben und Weiss unten ist nicht selbstverständlich. Danke, Frau Holle, machst Du die Ausnahme endlich zur Regel.

Ein Batzen für Stein und Besen

Das Curlingteam Adelboden Veriset will an den Schweizermeisterschaften 2015/16 sowie an den Olympischen Spielen 2018 ganz vorne mitmischen. Das geht natürlich nur mit viel Unterstützung. Aber wer genau greift den vier Jungs auf dem Eis denn unter die Arme? Und wo sind die Gemeinsamkeiten, die Firmen und Curler beim Sponsoring motivieren? Ich habe mich für Sie da einmal schlau gemacht:

Da wäre erstens Hauptsonsor Veriset (klar, darf die Küchenfirma dabei auch ihren Namen prominent platzieren). Der Luzerner Betrieb ist auf Einzelausführungen, Sonderanfertigungen und Schnellaufträge spezialisiert – Fähigkeiten, die eigentlich auch auf dem Eis ganz nützlich sind. Denn damit der Curlingstein im Haus sitzt, muss der einzelne Spieler schliesslich ebenfalls jede besondere Spielsituation schnell antizipieren.

Es folgt Sponsor Axians, zuständig für Informations- und Kommunikationstechnik. Es geht hier um Mobilität, Sicherheit und Networking – ebenfalls Attribute, die unsere Curler gut gebrauchen können. Sponsor Pfister steht dann für Möbel und Einrichtung – da wären wir wieder bei den Steinen, die perfekt ins Haus passen sollen. Edox wiederum produziert Uhren: Timing ist auch auf der Spielbahn zentral. Sponsor Fischer wiederum baut Spindeln für Werkzeugmaschinen, mit Fokus auf «hohen Drehzahlen, höchster Präzision und starker Leistung»… noch Fragen zu möglichen Parallelen? Es folgt die axxeva Gruppe – die spezialisierte Personaldienstleister vermitteln Fachkräfte und Spezialisten – so wie etwa einen Curling-Skip?

Etwas schade, wird Adelboden-Frutigen erst ganz zum Schluss auf der Webseite der Curler aufgeführt – immerhin ist es der einzige Sponsor, bei dem ich mir nicht das Hirn zermartern muss, wo denn die Gemeinsamkeiten liegen könnten. Denn sie liegen auf der Hand – und auf dem lokalen Eis.