Hören Sie auf die Zapfen!

Minus 1, minus 4, minus 6 – wenn ich die Adelbodner Wetterprognose der nächsten Tage betrachte, weiss ich: Nun ist wieder die Zeit der Eiszapfen gekommen. Diese transparenten Schönheiten verzieren nicht nur Felswände und Dachrinnen, sondern geben auch wertvolle Hinweise für unseren Arbeitsalltag. Das mag jetzt ein wenig gesucht klingen, doch es stimmt: Gerade wer in seinem Job momentan schwierige Projekte wälzt, kann sich die kühlen Gesellen zum Vorbild nehmen:

Erstens besteht jeder Eiszapfen zu Beginn aus einem einzigen Tropfen. Es braucht also nur einen winzigen Anhaltspunkt, der auskristallisiert. Einmal festgesetzt, kann der Mini-Zapfen weiter wachsen. Übersetzt in die Arbeitssprache hiesse das: Das grosse Ziel im Auge behalten ist gut, doch es sind viele kleine Schritte, die dorthin führen. Dass junge Eiszapfen oft noch eine unattraktive Kegelform und viele Blasen aufweisen, sollte uns dabei nicht stören. Kinderkrankheiten sind unvermeidlich im Wachstumsprozess.

Zweitens benötigen Eiszapfen sowohl Schmelzwasser wie auch Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, um zu gedeihen. Es braucht also das kreative Spiel der Extreme, um grosse Resultate zu erzielen. Wer nur eine Seite berücksichtigt, riskiert Stillstand (kein neues Schmelzwasser) oder macht Rückschritte (Eis schmilzt wieder weg).

Drittens wachsen Eizapfen in der Länge zehnmal schneller als in der Breite. Es ist also ratsam, einem Projekt viel Raum zu lassen – aber man muss auch wissen, in welcher Richtung. Wer Kapazitäten schafft, wo sie nicht gebraucht werden, verschwendet seine Ressourcen.

Viertens hängt bei einem Eiszapfen ganz unten das, womit alles angefangen hat: ein einzelner Wassertropfen. Man sollte somit nicht nur stets den Ausgangspunkt im Auge behalten, sondern auch dessen mögliche Konsequenzen: Wird das Projekt zu schwerfällig, bricht der gesamte Eiszapfen ab.

Fünftens ist jeder Eiszapfen zum Schmelzen verurteilt. Es gilt, nach Beendigung des Werks loslassen zu können. Und genau das mache ich jetzt.

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