Abenteuer auf der Portaledge Teil 2

„Und jetzt noch einmal da hoch? Mit vollem Bauch? Na ganz toll!“ Das waren meine nicht ausgesprochenen Gedanken, als ich nach dem Nachtessen realisierte, dass die Übernachtung, das stundenlange Sein auf dieser schwindelerregenden Höhe auf einem hauchdünnen Stück Stoff, immer näher rückte, beziehungsweise direkt bevor stand. Während Pete das Nachtessen, oder auf jeden Fall das, was davon übrig geblieben war, sorgfältig zusammenpackte, realisierten wir, dass es langsam ernst galt. Ein letzter „Toilettengang“ in der wunderschönen Natur, Pijama (in diesem Fall wärmere Kleidung) anziehen, „Gstältli“ satteln, weitere Utensilien in die riesen Rucksäcke packen und los konnte es gehen. Um den Sonnenuntergang, der schon in vollem Gange war, auf der Portaledge mitzuerleben, mussten wir uns schon fast ein bisschen sputen. Zu unser alles Überraschung war der zweite Aufstieg schon viel flüssiger als der erste. Ich gebe zu, ganz so elegant wie bei Pete sah es bei uns immer noch nicht aus. Aber immerhin war ein Fortschritt zu sehen. Auch die Höhe und das Herunterschauen war nicht mehr dasselbe. Doch nach dem Aufstieg folgte die Portaledge-Besteigung Nummer 2. Doch auch diese erfolgte absolut cool und ohne zwischenzeitlich weiche Knie. Es fühle sich gut an. All dies war natürlich nur mit den Top-Anweisungen von Pete möglich. Zwei von uns dreien schafften es, schneller als die Sonne zu sein. Einer von uns jedoch, geniesste den Sonnenuntergang in den Seilen. Von beiden Perspektiven war es wohl wunderschön!

Sonnenuntergng
Danach wurden die Materialrucksäcke zur Portaledge gezogen. Ich durfte den Starken beim Aufziehen zuschauen und muss im Nachhinein sagen: Lucky me! Doch die nächste Herausforderung folgte auch für mich sogleich. Es galt sich nun auf dem schmalen Schlafplatz, auf welchem man ohne Unterbruch gesichert ist und nur eine Hälfte für sich hat, einzurichten. Das heisst: Mätteli auspacken, aufblasen, Schlafsack ausrollen, in den Schlafsack hinein gelangen und was sonst alles noch nötig war, um es sich so richtig gemütlich zu machen. Von aussen her betrachtet musste dies sehr amüsant ausgesehen haben. Auch wir hatten sehr viel Spass dabei, uns ständig aufs Neue eine Strategie auszudenken, wie man was am geschicktesten anstellen könnte. Immer wieder mussten wir unterbrechen auf Grund von vermehrten Lachausbrüchen. Zum Glück hat uns nur Pete zuschauen können. Ich denke jedoch, dass sich auch dieser dabei sehr amüsieren konnte. Es ist schwieriger als man denkt, soviel sei gesagt!
Einmal eingerichtet waren wir sehr erleichtert und genossen noch einmal die wahnsinnige Aussicht. Doch nicht lange und uns wurde mit dem Gaskocher, welchen Pete mit zu unserem Schlafplatz genommen hatte, Wasser gekocht und ein paar Minuten später genossen wir einen Kaffee inklusive „Schoggistängeli“. Wir waren immer wieder beeindruckt, wie gut ausgerüstet und organisiert dieser Mann war! Mmmmmmh und als wir dann auch noch leckere Kekse bekamen, fühlten wir uns pudelwohl auf unserer Portaledge.
Es war dunkel geworden. Es wurden noch ein paar Worte gewechselt, doch bald kehrte Stille ein. Jeder genoss für sich diese aussergewöhnlichen Momente. Noch einmal dachte ich über den vergangenen Tag nach, was alles passiert war und wo wir uns jetzt befanden. Mein Blick war zu dem Sternenmeer über uns gewandert, da von der wunderbaren Aussicht, die wir bei Tageslicht genossen, nicht mehr ganz so viel zu sehen war. Die Atmosphäre, die Momente und die Gefühle und Gedanken… All dies ist absolut unbeschreiblich.
Man hörte die Kuhglocken, welche unter uns bimmelten. Langsam aber sicher fielen mir die Augen zu. Ich hoffte, dass ich nicht jedes Mal wenn ich mich bewegte, jemanden störte. Doch sehr bald, schlief ich ein.

Nachtstimmung
Nun normalerweise gehört das Aufwachen nicht zu meinen Lieblingsteilen an einem Tag. Es erinnert mich meist an alles, was zu erledigen wäre, was man alles müsste und sollte und überhaupt! Einschlafen, das ist es, was ich liebe. Alles vergessen. Wissen, dass an diesem Tag keiner mehr etwas von dir will. Entspannen. Augen schliessen und friedlich das Einschlafen geniessen.
Dass mich in der Nacht vom Samstag auf Sonntag das pure Gegenteil erwarten würde, hatte ich nicht erwartet. Auf jeden Fall nicht ganz. Aber ich wäre viel lieber noch viel länger wach geblieben um das Erlebnis zu geniessen und auf mich wirken zu lassen. Ein vergleichbares Aufwachen gibt es jedoch trotzdem wahrscheinlich nicht. Die Sonne kitzelte mein Gesicht und ich öffnete langsam meine Augen. Und da war sie wieder: eine Aussicht wie aus dem Bilderbuch. Und zwei Gesichter, die schon lange wach schienen. Ich wurde begrüsst mit den wunderbaren Worten: „Guten Morgen, das Beste hast du verpasst!“ Na toll, ich hatte so gut genächtigt, dass ich doch gleich den Sonnenaufgang verschlafen hatte.

2016-07-17 06.05.51

Unglaublich! Wie kann man so etwas nur verpassen. Jedoch ärgerte ich mich nicht lange. Auch als ich früh morgens aufwachte, war der Morgen noch sehr jung und wunderschön. Bald wurde uns ein weiteres Kaffee mit „Schoggistängeli“ serviert. Wir setzten uns hin und kamen gleich wieder ins Gespräch. Langsam bemerkte ich jedoch: Meine Blase war halb voll und nicht mehr leer. Also warf ich die Frage in die Runde, wann der Abstieg folgen würde, auch wenn ich in diesem Moment sehr sehr viel für eine leere Blase gegeben hätte. Jedoch liessen wir uns nicht stressen. Noch einmal genossen wir das Sein in der Felswand in vollen Zügen.
Später ging es dann doch langsam um den Abstieg. Das Zusammenräumen erfolgte etwas geschickter als das Einrichten (wir scheinen lernfähig zu sein). Ich war als erstes dran, mich wieder in Richtung festen Boden zu bewegen. Schweren Herzens seilte ich mich also ab, wo ich die beiden Materialrucksäcke entgegennahm. Danach folgten unsere Schlafgelegenheiten und zu guter Letzt gesellte sich auch Pete zu uns. Wieder festen Boden unter den Füssen zu haben war ein spezielles Gefühl. Sich bewegen zu können wie und wohin man wollte und ohne Angst, dass etwas in die Tiefe stürzen konnte, wenn man es nicht gut festhielt. Dies würde jetzt wieder Normalität werden. Leider.
Wir packten unsere Rucksäcke um, legten unsere Portaledge zusammen und schon ging es daran, sich wieder Talwärts zu bewegen. Doch nicht so schnell. Zuerst genossen wir noch ein sehr schmackhaftes „Z’morgä“ mit einem Ausblick auf die andere Seite. Atemberaubend. Den „Z’Morgäplatz“ durften wir selbst wählen. Und wieder wurden wir von Pete verwöhnt: Müesli, Fruchtsaft, „Schoggistängeli“, Kaffee und und und.

IMG_4380

Von diversen Wanderern wurden wir gefragt, ob wir hier Übernachtet hätten. Diese staunten nicht schlecht, als wir ihnen erklärten wo genau wir geschlafen hatten. Mit vollen Bäuchen machten wir uns dann später endgültig auf den Heimweg. Wir trugen unser Material zurück zum Auto. Nachdem wir viel gegessen und getrunken hatten, war das Gewicht etwas weniger. Der Abstieg war dem entsprechend etwas einfacher als der Aufstieg. Beim Auto angelangt luden wir alles ein und dann ging es los in Richtung Frutigen. Pete stellte uns bis zum Märitplatz, wo wir danach gleich in den Bus einsteigen konnten.

Dank Pete durften wir eine ganz neue, aufregende, nicht ganz alltägliche und wunderschöne Erfahrung machen. Dieses Erlebnis ohne doppelten Boden werden wir nie mehr vergessen.
Willst auch Du neue Eindrücke, die Dir für immer in Erinnerung bleiben werden, sammeln? Dann denk nicht zu lange drüber nach! Weitere Infos findest Du unter:
http://www.alpinschule-adelboden.ch/portaledge
 

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.