Alpenbaden

Der Sommer ist endlich auch im Lohnerdorf angekommen. Von überall her störmen wieder Wanderer ins Dorfzentrum, Rägäpöli fröhnt in der Mittagspause dem Alpentennis und ich finde mich beim „Alpenbaden“ beziehungsweise dem Frühschwimmen wieder. Nichts lieber als das! Der Sprung ins kühle Nass an den noch kühlen Morgen braucht zwar Überwindung, doch bei diesem Panorama im Schwimmbad Gruebi: Nichts lieber als das! Im Gegensatz zur morgendlichen Wassertemperatur lässt mich der Blick weit nach oben zum Wildstrubel nicht kalt. Ich glaube, von diesem Panorama können selbst wir Einheimische niemals genug bekommen. Der Strubel ist zwar noch schneebedeckt, allerdings findet diesen Samstag der berühmte Alpaufzug entlang der Engstligfällen auf das Hochplateau statt. Über 500 Tiere werden den steilen Aufstieg frühmorgens (05:00) auf sich nehmen und den Bergsommer in Adelboden definitiv einläuten.

Man sieht, egal ob Alpentennis, Alpenbaden Alpenpanorama oder Alpaufzug – Sommer in den Bergen ist oniborg ein Vergnügen!

Alpentennis

Alpentennis ist ja nicht wirklich beliebt bei den Tennisspielern. Eine primitive Form des Tennisspiels. Man passt sich den Ball wahnsinnig hoch übers Netz hin und her, so dass potentielle Zuschauer absolut gelangweilt wären. Glücklicherweise habe ich nie Zuschauer. Doch trotzdem verirren sich des öfteren Touristen auf den wunderschönen Platz mit einer Aussicht, die für einen Tennisplatz nicht gerade üblich ist. So passierte es heute, dass ich ein paar Ballwechsel mit einem Chinesen hatte.

Er fragte höflich, ob er wohl versuchen dürfe, zu spielen und ein paar Fotos schiessen dürfe. Natürlich stimmte ich zu. Als ich ihn auf einen Schuhwechsel aufmerksam machte, da man den Platz doch nur mit geeigneten Schuhen betreten sollte, lehnte er dankend ab. Es gehe schon so. Ich erwartete nicht wahnsinnige Gegenwehr, auch wenn Chinesen ja anscheinend gut Ping-Pong spielen, was dem Tennis ja doch ähnlich ist.

Ich staunte nicht schlecht, als er mir den ersten Ball zuspielte. „Öööz dä cha öppis“, dachte ich mir. So spielten wir ein paar Bälle und er sah absolut glücklich aus. Meine Tennispartnerin war weniger glücklich, da der Chinese nicht mehr aufhören wollte.

Alpentennis findet also in Adelboden eine ganz neue Bedeutung. Ein Highlight für jeden Touristen auf einem Platz mit einer solchen Aussicht zu spielen.

Zukunft in jeder Zelle

Kaum kommt die Sommersonne raus, verlässt meine Nachbarin ihre Dachwohnung und flüchtet runter an den Pool. Von Juni bis September wohnt sie also eigentlich draussen, denn oben unter dem Giebel ist es einfach unerträglich heiss und stickig. Daraus kann ich nun zwei Schlussfolgerungen ziehen: Erstens sollte man unser Dach wohl besser isolieren. Und zweitens ist es eigentlich schade, all die Wärme draussen auf den Ziegeln ungenutzt verpuffen zu lassen. Warum keine Solarzellen installieren?

Und das gilt nicht nur für meinen Block. In Adelboden gibt es laut einer Studie der Licht und Wasserwerke mehrere hundert Dächer, die sich hervorragend für Photovoltaik-Anlagen eignen würden. Niedrigere Energiekosten, Überschüsse zum Verkaufen, weder Lärm noch Emissionen – die Vorteile von Sonnenstrom liegen auf der Hand. Nehmen wir die Daten von bestehenden Anlagen: Während ich dies schreibe, sparen die Solarzellen auf Sillerenbühl alleine heute 81 Kilo Co2 ein. Das entspricht 542 gefahrenen Autokilometern oder 2 gepflanzten Bäumen. Die Solaranlage auf dem Fuhrenweidli hat heute sogar 108 Kilo Co2 gespart. 723 Autokilometer oder 3 gepflanzte Bäume.

Also wieder rauf aufs Dach. Wer unten liegenbleibt, holt sich eh nur einen Sonnenbrand am Pool.

Wir wollen keine Wüste

Ich breche heute noch einmal eine Lanze fürs Wasser. Ja, wir hatten genug davon, und ja, ich leide mittlerweile auch unter einer veritablen Sehnenscheidenentzündung vom vielen Schirm-Aufspannen. Aber Adelboden glänzt nun einmal als Wasserschloss des Oberlands. Und ohne Wasser kein Schloss. Das Nass ist der Wegbereiter des Alpsommers, das sollte man sich immer wieder vergegenwärtigen.

Ohne genügend Flüssigkeit gäbe es keine Engstligenfälle, sondern nur eine nackte Felswand. Die Cholerenschlucht wäre ohne die jahrtausendlange Arbeit des Flusses nur die Cholerenebene. Der weltberühmte Aussenpool des Hotels Cambrian müsste per Helikopter gefüllt werden. Dieser könnte dann gleich noch Futter für die Kühe einfliegen, denn Gras wüchse ja nirgends ohne Regen. Schluss mit Käse. Der Brunnen auf dem Dorfplatz versiegte, ebenso die Mineralquelle. Die Sanierung des altehrwürdigen Gruebi-Bads würde ebenfalls sinnlos. Die Hochmoore verödeten zu Hochwüsten, die Bergseen zu Bergschlammgruben. Mit der Zeit lägen auch die Störe im Tropenhaus auf dem Trockenen, ebenso wie die Gäste in den Wellness-Anlagen der Region. Und womit würde mein Tschenten-Bier gebraut? Der blanke Horror.

Stellen wir uns so einen gelungenen Bergsommer vor? Könnten wir den Ausfall all dieser Attraktivitäten verkraften? Eben. Jetzt wo das Quecksilber im Thermometer gleich zentimeterweise nach oben schnellt, sollten wir also froh sein, das der trockene Alptraum ein blosses Hirngespinst bleibt. Das Wasserschloss ist gut gefüllt, nun kann es seine Tore getrost öffnen.

Das ist mein Bier

Es gibt mehrere Faktoren, warum der Griff zum Hopfentee gerade wieder angesagt ist. Da wäre einmal der Sommeranfang. Dass dieser momentan noch etwas verhalten wirkt, ist dabei kein Argument: Es ist erwiesen, dass Temperaturen über 28 Grad nur unnötig den Bierdurst schmälern. Da wäre dann zweitens der EM-Start. Dass in den Pausen der allgemeine Wasserverbrauch wegen unzähliger Toilettenspülungen etwa ums Doppelte in die Höhe schnellt, spricht für sich. Da wäre drittens der Saisonstart der Bergbahnen mit ihren Terrassen. Da wäre viertens die wachsende Nachfrage nach Craft-Bieren, also Getränken aus kleinen, kreativen Betrieben. Da wäre fünftens schliesslich die Zunahme der Braustätten: Vor 30 Jahren waren es 35 in der Schweiz, mittlerweile zählen wir über 574 davon.

Da sitze ich also auf Tschenten und nippe am untergärigen Hausbergbier aus der kleinen Berner Tramdepot-Brauerei. Bin ich nun ein typischer Craft-Bier-Hipster? Mal sehen: Männlichen Geschlechts? Check. Vollbärtig? Check. Tätowiert mit Karo-Hemd? Fail. Start-up-Gründer aus Zürich? Fail. Nein, man muss eben kein Craft-Spinner sein, um beim Barkeeper nicht einfach «ein Bier» zu bestellen. Man kann auch schlicht ein Geniesser sein, den es freut, wenn einheimische Getränke mit Charakter serviert werden. Und diese malzige Handwerkskunst ist zudem fast zu schade, um hastig während eines EM-Spiels vernichtet zu werden. Auf der Alp gilt eben besonders: Nimm dir Zeit. Es gibt für jede Situation das passende Bier.