Das Fünf-Finger Tal, oder: Adelboden ist handgemacht

Jedes Adelbodner Schulkind lernt es: Adelboden, ein Fünf-Finger Tal. Topografisch gesehen entspricht die ausgespreizte rechte Hand den fünf Tälern des Lohnerdorfs.

“Der Adelboden hat Fünf Thäler oder Krachen, davon will ich allhier ein schwaches Bildniss machen. Die ganze Gmeind ist gleich der rechten offen Hand: Das Thal in Bonderlend den Daumen macht bekannt; Das Thal durch Tschenten ein stelt vor den kleinsten finger, Gilbach und Stigelschwand, wiewohl etwas geringer, die Mittelfinger zween zu deüten sind geneigt, und dann die Boden Beurth den Finger, der da zeigt”.

Peter Josi,1796

Ich und der Adler

Was für ein Zufall: Vor zwei Jahren habe ich erstmals einen Gleitschirm-Tandemflug gebucht. Von Mäggisseren oberhalb von Frutigen aus. Mein Pilot flog damals kurz vor der Landung eine veritable Todesspirale – mir war danach noch stundenlang übel. Und nun postet SRF-Moderator Nik Hartmann gerade auf facebook: «Guten Morgen aus dem Engstligtal! Wir sind mit dem ADLER von Adelboden, dem weltbesten Gleitschirmpiloten Chrigel Maurer am Drehen. CRAZY!!!!!» Und wo genau dreht das SRF-Team für ihre Sendung «Bi de Lüt»? Sie haben es erraten: Unter anderem auf Mäggisseren! Oder täusche ich mich da? Jedenfalls hat Nik auch gleich ein Beweis-Video aufgeschaltet, wo Chrigel beim Start haarscharf einen vorbeifahrenden Pickup-Truck samt Passagieren auf der Ladefläche überfliegt.

Da überkommt mich die Erinnerung. Hier bin auch ich gestartet. Und nun schon wieder so ein haarsträubendes Flugmanöver, und schon wieder spüre ich dieses flaue Gefühl im Magen. Aber die Online-Reaktionen geben Nik und dem Adler recht: Über 40’000 Personen haben sich das mittlerweile schon angesehen, und über 500 haben den Post mit «gefällt mir» markiert. Die Kommentare reichen von «Hammer» bis «Nik, chunsch uf nes Kafi?».

Vielleicht sollte ich die Vergangenheit ruhen lassen und selbst wieder einmal in die Lüfte steigen. Vielleicht sehe ich mir aber auch einfach das Engstligtal-Special von «SRF bi de Lüt» an. Und verdrücke dazu zwei Tafeln Schweizer Schokolade. Mann, sei stark – eines von beidem muss mein Magen jetzt einfach aushalten.

Es wird schon schief gehen!

Das dachten sich wohl auch die Erbauer der Adelbodner Dorfkirche. Sie haben anno 15. Jahrhundert viel Mut an den Tag gelegt, um den Schwierigkeiten, die ein Kirchenbau mit sich brachte, zu begegnen. Dass dieses Zitat aber wortwörtlich umgesetzt wird, war wohl kaum ihr Plan…

Schiefe Gebäude und Türme sind touristische Magneten mit starker Anziehungskraft. Denkt man an die italienische Stadt Pisa, bestätigt sich dies. Beliebtes Sujet auf Postkarten, stundenlanges Anstehen vor dem Turmeingang und sich selbst fotografierende Reisende sind dort Alltag.

Anders im Vogellisidorf. Mit dem nach Süden geneigten Glockenturm unserer Kirche könnten wir es aber locker mit Pisa aufnehmen. Postkartensujet ist die spätgotische Kirche im Dorfzentrum zwar schon, ihre Geschichte ist faszinierend, doch leider hat Galileo Galilei die Fallgesetze in Pisa entdeckt und nicht in Adelboden beobachtet. Aber wer weiss, vielleicht wird ja das touristische Potential von unserem „torre pendente“ auch bald erkannt, aber lassen wir die Kirche erst einmal im Dorf stehen…

Der Tiefbau hat Hochbetrieb

Zurzeit ist die Dorfstrasse eine einzige Baustelle, und das ist gut so. Zugegeben, der Zugang zu einigen Geschäften ist durch Löcher, Absperrgitter und Kabelsalat erschwert. Auch irritiert mich die kreischende Kreissäge beim Schreiben, und das idyllische Dorfbild mag zurzeit ebenfalls leicht leiden. Aber ich sehe beim Vorbeischlendern halt eher die Vorteile des Tiefbaus: Zum Beispiel präsentiert sich das Dorfzentrum so wieder einmal autofrei. Es ist ein Anlass mehr, wo man unbeschwert in der Strassenmitte spazieren kann. Auch wird sich gerade sicher niemand über fehlende Action beschweren, solange Laster, Krane und Bagger mit tonnenschweren Lasten jonglieren. Da läuft etwas, da bewegt sich etwas, da brummt das Dorf und steht buchstäblich unter Strom. Die Kabel jedenfalls sind gespannt. Die ausgehobenen Gruben wiederum liefern seltene Einblicke in die Geschichte des Lohnerdorfs. Und wer weiss, ob nicht sogar noch ein sensationeller archäologischer Fund dort auf die Bauarbeiter wartet? Das Heimatmuseum und das Dorfarchiv würden sich freuen. Aber auch die an der Strassenoberfläche verwendeten Materialien weisen schliesslich positive Aspekte auf: Steine kommen ins Rollen, und der frische Asphalt macht die Strecke nicht zum harten Pflaster. Ach ja, und fast hätte ich am Ende das wichtigste vergessen: Ohne Strassen verkehrt hier niemand.

Schattenseite? Ja, gerne!

Je länger ihr Schatten, desto stärker die Person. Manche Völker am Äquator denken so. Und verlassen am Mittag nie das Haus, weil die Sonne dann senkrecht scheint und somit keine Schatten wirft. Alles Aberglaube? Dabei sind wir im Norden nicht besser. Klar, im Moment zieht es bei uns erst einmal alle ans Licht. Wir reden darum auch von der «Schattenseite», raten den anderen, «über ihren Schatten zu springen» und werfen einander vor, dass wir «wohl einen Schatten haben». Klingt genauso abergläubisch, nur gespickt mit Misstrauen gegen die Dunkelheit.

Ich finde, da der Sommer langsam Einzug hält in Adelboden-Frutigen, sollten wir auch ein bisschen mehr denken wie die am Äquator. Mehr Schatten, bitte! In der Mittagspause fläzen wir schliesslich unter der Linde vor dem Haus, weil uns die mit ihrem Laub kühlt. Beim Wanderpanorama sind es die vielen kleinen Schattenstellen, die einer Bergflanke erst richtig Kontur verleihen. Und was haben getönte Brillen und Sonnenhüte für andere Aufgaben, als dem Licht etwas im Weg zu stehen? Was wären Sonnenauf und -untergänge ohne schwarzen Horizont? Auch wenn sie also das nächste Mal in der direkten Sonne braten, denken Sie daran: Je heller es ist, desto schneller wird man dunkel. Zumindest äusserlich.